Gab es Hinweise auf Unregelmäßigkeiten?

Vom Knast in den Bundestag: Ex-Wirecard-Chef Braun sagt vor Untersuchungsausschuss aus

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun (Foto: Archiv)
© REUTERS, MICHAEL DALDER, /FW1F/Simon Newman

19. November 2020 - 9:55 Uhr

Nächstes Kapitel im Wirtschaftskrimi

Wirecard. Wäre diese Angelegenheit ein Buch, es stünde auf den Bestseller-Listen. Wäre sie ein Film, er würde die Kinosäle füllen. Wie viele Tickets der Bundestag für die Sitzung des Untersuchungsausschusses zur Wirecrad-Affäre hätte verkaufen können, ist unbekannt. Die Besetzung ist allerdings hochkarätig. Geladen ist der frühere Chef des Skandalunternehmens, der seit Sommer in Untersuchungshaft sitzende Markus Braun. Er soll zu dem Bilanzbetrug des mittlerweile insolventen DAX-Unternehmens aussagen.

Braun wollte nicht persönlich erscheinen

Vergeblich war Braun vor dem Bundegerichtshof gezogen, um nicht den Weg vom Gefängnis in den Verhörsaal des Bundestages anzutreten. Alle Anträge wurden abgewiesen, er muss persönlich vor den Abgeordneten erscheinen. Diese wollen den Ex-Manager vor allem zu seinen Kontakten zu Politik und Behörden befragen. Dass er sich zu möglichen kriminellen Machenschaften und den konkreten Betrugsvorwürfen der Staatsanwaltschaft äußert, wird als eher unwahrscheinlich eingeschätzt. Zeugen müssen sich nicht selbst belasten. Braun gilt als einer der Hauptverantwortlichen für Betrugsskandal, bei dem Wirecard über Jahre Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben soll.

Der Ausschuss will aufdecken, ob das deutsche Fintech-Unternehmen als aufstrebender Börsenstar von den Aufsichtsbehörden trotz Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten mit Samthandschuhen angefasst wurde. Dabei geht es auch um Versäumnisse der Politik, weshalb die Kontakte Brauns relevant sein könnten.

Milliarden-Forderungen nach Insolvenz

Braun ist nicht der einzige Zeuge, der am Donnerstag vor dem Ausschuss aussagen soll: Auch ein Mitglied des Wirecard-Aufsichtsrats, der frühere Leiter des Rechnungswesens sowie ein für die Wirecard-Tochter in Dubai verantwortlicher Manager werden befragt. Die beiden Manager sollen per Video zugeschaltet werden - wohl auch, damit sie Braun nicht begegnen.

Wirecard hatte im Sommer Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt. Das einst als deutsche Technologiehoffnung gehandelte Unternehmen saß als Dienstleister für bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet an der Schnittstelle zwischen Händlern und Kreditkartenfirmen - in einem hart umkämpften Markt.

Nach bisherigem Stand der Ermittlungen machte Wirecard jahrelang Verluste. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass seit 2015 Scheingewinne auswiesen wurden. Allein Banken und Investoren verloren nach ihren Berechnungen mehr als drei Milliarden Euro.

Außerdem haben nach Wirecards Börsenabsturz und Insolvenz gut 11.500 Gläubiger Forderungen in Höhe von 12,4 Milliarden Euro angemeldet. Diese Summe übersteigt die bisher erzielten Erlöse bei der Abwicklung des Konzerns um ein Vielfaches.

Merkel und Scholz ebenfalls geladen

Neben Wirecard selbst stehen in dem Fall die Finanzaufsicht Bafin und eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in der Kritik. Zentrale Fragen bei der politischen Aufarbeitung soll sein, wann die Bundesregierung von den Unregelmäßigkeiten wusste und ob sie zu wenig dagegen unternommen hat.

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich im vergangenen Jahr bei einer China-Reise für Wirecard eingesetzt hatte, und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sollen im Untersuchungsausschuss als Zeugen befragt werden. Scholz hat als Reaktion auf den Skandal einen Aktionsplan für eine Reform der Finanzaufsicht vorgelegt. Die Opposition wirft ihm allerdings vor, damit von eigenem Versagen als oberster Chef der Finanzaufsicht ablenken zu wollen.