Virologe Hendrik Streeck

Wissenschaft passt nicht in eine Schlagzeile

Virologe Prof. Hendrik Streeck erklärt, warum sich Wissenschaft auch mal irren darf.
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22. Februar 2021 - 16:48 Uhr

Streeck: „Wissenschaft ist immer ein Wissen auf Zeit“

Sie beraten, erklären, informieren: Nie waren Virologen, Epidemiologen & Co. so gefragt wie in der Corona-Pandemie. Ihre Empfehlung ist wichtig, wird geschätzt – und stößt auf heftige Kritik, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass sich die Experten bei dieser geirrt haben. Dabei funktioniert Wissenschaft genau so, sagt Virologe Prof. Hendrik Streeck. "Wissenschaft ist immer ein Wissen auf Zeit", auch er habe sich schon mehrfach geirrt. Was er mittlerweile anders einschätzt und wo er goldrichtig lag, erzählt er im Interview mit RTL.

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Wissenschaft lässt sich nicht auf eine Schlagzeile begrenzen

Als sich das Coronavirus vor gut einem Jahr langsam in der Welt verteilte, konnte man nur erahnen, wohin uns diese Pandemie führen würde. Auch die Wissenschaft konnte das nicht voraussagen. "Am Anfang wusste keiner, wohin sich die Pandemie entwickelt. Viele haben Fehler gemacht. Auch ich habe Fehler gemacht", erklärte Prof. Hendrik Streeck bereits in einem früheren RTL-Interview. "Unser Wissen ist ein Wissen auf Zeit und es verändert sich."

Dass Experten ihre Meinungen ändern, führt in der Öffentlichkeit oftmals zu Verunsicherung. Kritiker bis hin zu Corona-Leugnern stürzen sich förmlich darauf. Damit im Zusammenhang steht noch ein weiteres Problem:

"Die größte Problematik, die wir im Moment mit der Wissenschaftskommunikation haben, ist, dass wir meistens unsere Aussage nicht auf 30 Sekunden oder eine Minute begrenzen können, sondern die sehr differenziert ist und das häufig so nicht in die Schlagzeilen gelangt", so Streeck.

"Natürlich habe ich mich in Bereichen geirrt"

Dass auch er sich im Laufe der Pandemie mal geirrt hat, gibt er offen zu: "Natürlich habe ich mich in Bereichen geirrt, wie zum Beispiel: Ich habe den Sinn der normalen Alltagsmaske zuerst nicht gesehen, bis dann die Studien gekommen sind und das gezeigt haben." Auch wie gefährlich das Virus ist, habe er am Anfang der Pandemie unterschätzt – bis die Berichte aus Bergamo in Italien und über Long Covid kamen.

"Die Problematik ist wirklich, dass Wissenschaft in gewisser Weise politisiert wird", so Streeck weiter. Viele seiner Vorschläge aus dem Sommer und Herbst seien zudem gar nicht aufgenommen worden. "Schon seit dem Sommer plädiere ich dafür, dass man Alten- und Pflegeheime besser schützen muss. Wir haben mit der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zusammen 24 Seiten vorgelegt, wie das genau aussehen kann." Das sei dann von einigen Medien so dargestellt worden, als ob wissenschaftlich erwiesen wäre, dass das nicht gehen würde, erklärt der Virologe.

Was ihn aber sehr freue, sei, dass der Pandemierat der Bundesärztekammer nun auch ein Konzept vorgelegt hat, wie man Alten- und Pflegeheime besser schützen könne. "Woran man sieht, dass dieser spezielle Schutz, den wir schon sehr lange mit Jonas Schmidt-Chanasit und der KBV gefordert haben, nicht etwas ist, was in irgendeiner Weise wissenschaftlich erwiesen wäre, dass es nicht funktioniert. Ganz im Gegenteil etwas, wofür viele Ärzte mittlerweile plädieren, weil das ein guter Weg ist, um Todesfälle und schwere Erkrankungen zu vermeiden."

Hier lag Streeck von Anfang an richtig

Auch wenn die Wissenschaft mal falsch liegt, konnten einige Dinge schon sehr früh über das Coronavirus herausgefunden werden. So war Streeck beispielsweise der Erste, der gemeinsam mit Kollegen den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns in Folge einer Infektion festgestellt hat.

"Aus der ersten Zeit aus Heinsberg haben wir sehr viel beschrieben", erinnert sich der Virologe. Neben dem Geruch- und Geschmacksverlust konnten sie unter anderem zeigen, "dass SARS-CoV-2 nicht notwendigerweise eine Schmierinfektion ist, sondern eine Tröpfcheninfektion. Später kam dann von anderen noch die Aerosol-Übertragung hinzu. Zusätzlich haben wir aus dieser Zeit noch andere Symptome beschrieben, die gar nicht so in die Nachrichten gekommen sind, wie zum Beispiel die Durchfall-Erkrankung, die relativ häufig bei Covid-19 auftritt."