Virologe Streeck über die Strategie für Herbst und Winter

"Wir müssen von den breiten Corona-Tests wegkommen"

Im Interview mit RTL plädiert der Bonner Virologe Hendrik Streeck dafür, sich mehr auf die Belegung in den Krankenhäusern zu fokussieren, statt nur auf die Infektionszahlen zu schauen.
Im Interview mit RTL plädiert der Bonner Virologe Hendrik Streeck dafür, sich mehr auf die Belegung in den Krankenhäusern zu fokussieren, statt nur auf die Infektionszahlen zu schauen.
© RTL, infoNetwork

04. September 2020 - 10:45 Uhr

Streeck empfiehlt Ampel-System

"Wichtig ist, das wir uns nicht nur allein auf die Infektionszahlen verlassen." Der Bonner Virologie-Professor Hendrik Streeck schlägt vor, dass wir uns in Zukunft auf andere Kennzahlen fokussieren, nämlich auf stationäre Aufnahme und Belegung der Intensivbetten. Seine Strategie für den Winter: Ein Ampel-System, bei dem man ab bestimmten Zahlen von Bettenbelegungen aufpassen muss. Auch die breiten Corona-Tests hält er künftig für nicht sinnvoll.

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"Anlass- und symptombezogene Tests"

Zum Herbst hin rechnet Prof. Streeck mit einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen - mehr als das, was wir jetzt sehen. Dennoch: Ungefährlicher werde Sars-CoV-2 vor allem durch die ergriffenen Hygiene-Maßnahmen "Abstand, Hygiene, Alltagsmasken", so Streeck. Auch breite Testungen hält er nicht mehr für sinnvoll. "Jeder Test ist immer nur eine Momentaufnahme. Es kann sein, dass man gerade negativ getestet wird und am Abend positiv. Das birgt die Gefahr, dass sich Leute in falscher Sicherheit wiegen.

Gleichzeitig müssen wir auch an die Ressourcen denken." Streeck weist daraufhin, dass wir zwar im Moment gut durchkommen, aber die Tests ebenso für Grippe und andere virale Erkrankungen zur Verfügung stehen sollten. "Ich plädiere daher für eine anlass- und symptombezogene Testung."

Gebote statt Verbote

Ebenso sieht Streeck eine sogenannte Gebotskultur für die Zukunft als angemessen an. Anstatt Verbote auszusprechen, sollte lieber Vorsicht walten. "Bei einer 90-jährigen Frau im Altersheim, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat und in ihrem ganzen Leben sehr viele Risikoabwägungen machen musste, muss man sich überlegen, ob man ihr als Gesellschaft durch Verbote auferlegen sollte, ob sie ihre Enkelkinder in ihren letzten Lebenstagen noch sehen will oder aber das Gebot ausspricht, hier mit Vorsicht zu walten." Streeck hält dafür die bald kommenden Schnelltests als eine hilfreiche Unterstützung. Eine andere Möglichkeit könnten auch getrennte Stationen in Alters- und Pflegeheimen sein für Menschen, die am Leben teilhaben wollen.

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