1. Juli 2019 - 11:16 Uhr

Ehefrau will Behandlung einstellen lassen - Eltern sind dagegen

Vincent Lambert kann zwar seine Augen noch öffnen, anwesend ist er aber nicht mehr. Nach einem Unfall vor zehn Jahren liegt der heute 42-Jährige im Wachkoma. Seine Frau will, dass die Behandlung ihres Mannes beendet wird, um ihn "in Würde gehen zu lassen". Seine Eltern wollen mit allen Mitteln verhindern, dass ihr Sohn stirbt. Jahrelang ging der Streit hin und her, und machte den Mann zum bekanntesten Wachkomapatienten Frankreichs. Jetzt hat das höchste Gericht des Landes entschieden, dass Lambert sterben darf.

Lamberts Familie ist tief zerstritten

Für ein Ende der Behandlung gebe es ab sofort kein rechtliches Hindernis mehr, sagte der Anwalt von Lamberts Ehefrau, Patrice Spinosi, nach der Verhandlung. Der Anwalt der Eltern drohte rechtliche Schritte gegen Lamberts Arzt an, sollte die Behandlung gestoppt werden. Der Fall hat die Familie des Komapatienten tief gespalten.

Erst im Mai war die Behandlung von Lambert gestoppt worden. Wenige Stunden später jedoch ordnete ein französisches Berufungsgericht die Wiederaufnahme an. Diese Entscheidung wurde nun aufgehoben, denn das Berufungsgericht sei gar nicht zuständig gewesen, entschieden die Richter nun.

Krankenhaus darf jetzt die Behandlung einstellen

Damit ist der Weg für ein Behandlungsstopp frei, wie Lamberts Ehefrau fordert. Ihr Mann habe sich nie gewünscht, dass sein Leben künstlich verlängert werde. Eine Patientenverfügung hatte der frühere Krankenpfleger allerdings nicht. Das Krankenhaus in Reims, in dem der Wachkomapatient untergebracht ist, hat nun die Berechtigung, die Behandlung des Mannes einzustellen. "Ich denke, dass es dies tun wird", sagte Lamberts Neffe François dem Sender Franceinfo. Das bedeutet, dass der Patient sterben wird.

Der 42-Jährige erlitt bei dem Unfall schwere Kopfverletzungen und befindet sich seitdem in einem vegetativen Zustand. Das heißt in der Regel, dass Patienten zwar die Augen offen haben und wach erscheinen, aber keinen Gegenstand fixieren und auch nicht mit Sprache oder Bewegungen auf äußere Einflüsse reagieren. Das Stammhirn ist aber noch aktiv, Blutdruck, Atmung und viele Reflexe werden weiter geregelt.

Lamberts Eltern drohen Arzt mit Mordanklage

Mutter des Wachkomapatienten Vincent Lambert
Viviane Lambert, die Mutter des Wachkomapatienten Vincent Lambert, kämpft dafür, dass ihr Sohn weiterleben kann.
© REUTERS, Benoit Tessier, /FW1F/mark heinrich

Der Anwalt von Lamberts Eltern reagierte auf die Entscheidung des Gerichts mit einer massiven Drohung. Man werde den behandelnden Arzt wegen Mordes vor Gericht bringen, sollte er die Behandlung beenden, sagte Jérôme Triomphe der französischer Nachrichtenagentur AFP zufolge. Mit ihren Klagen sind die Eltern vor Gericht immer wieder gescheitert - auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

In Frankreich ist die aktive Sterbehilfe, also einem Menschen ein tödlich wirkendes Mittel zu verabreichen, verboten. Passive Sterbehilfe durch das Abschalten von Apparaten und indirekte Sterbehilfe, bei der starke Medikamente Schmerzen lindern und als Nebenwirkung das Sterben beschleunigen, sind zulässig.