Viele Verletzte bei Protesten in Istanbul

Bei Protesten in Istanbul gab es viele Verletzte.
© dpa, Tolga Bozoglu

18. Juni 2013 - 13:01 Uhr

Tausende protestieren gegen ein Bauprojekt

Tausende Demonstranten wollen verhindern, dass eine der letzten Grünflächen im Zentrum Istanbuls bebaut wird. Die Polizei antwortete mit Knüppeln, Wasserwerfern und Tränengas. Mittlerweile geht es den Kritikern in der Türkei aber um mehr als einen Park: Sie fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Mit einem Protestcamp hatten die Demonstranten seit Anfang der Woche versucht zu verhindern, dass Bäume und Grünflächen im Gazi-Park für den Bau eines Einkaufszentrums mit Wohngebäuden zerstört werden. Umweltschützer kritisieren, dass in Istanbul immer mehr Grünflächen für Neubauten geopfert werden. Ministerpräsident Erdogan hatte erklärt, die Pläne für den Bau im Gezi-Park würden ungeachtet der Demonstrationen durchgesetzt.

Auf dem zentralen Taksim-Platz protestierten auch am Freitag mehrere tausend Menschen gegen das Vorhaben der Regierung. Die Polizei versuchte mehrfach, die Protestierer mit Wasserwerfern und Tränengasgranaten abzudrängen, berichteten Augenzeugen. Die Polizei setzte so viel Tränengas ein, dass die Luft auch in den angrenzenden Stadtteilen gasgeschwängert war. Einige der vorwiegend jungen Demonstranten zündeten auf dem Gelände des umstrittenen Bauprojekts, das den Platz und den Gazi-Park umfasst, Einfassungen und Container der beteiligten Baufirmen an. Die Protestierenden riefen: "Die Regierung soll zurücktreten!" Glasscherben und Steine flogen, mehrere Menschen wurden verletzt, darunter auch Touristen, die über den Taksim-Platz zu ihren Hotels hasteten.

"Wir haben keine Regierung, wir haben Tayyip Erdogan", sagte Koray Caliskan, ein Politikwissenschaftler an der Bosporus Universität in Istanbul. Dies sei der Anfang eines Sommers des Unmuts. "Es geht nicht mehr nur um Bäume", sagte der 18-jährige Student Mert Burge. "Es geht um den Druck, der von dieser Regierung ausgeübt wird. Wir haben die Schnauze voll. Die Richtung, die dieses Land einschlägt, gefällt uns nicht."

Ausschreitungen auch in Ankara

Auch in der Hauptstadt Ankara kam es zu Zusammenstößen. Eigentlich wollten junge Leute gegen Beschränkungen beim Alkoholverkauf protestieren. Aus Solidarität mit den Demonstranten in Istanbul zogen sie jedoch in Richtung der Partei-Zentrale der AKP. "Überall gibt es Widerstand, überall ist Taksim", skandierten sie. Die Polizei setzte ebenfalls Tränengas ein.

Erdogan ist zwar nach wie vor der beliebteste Politiker in der Türkei. Viele Bürger sind aber mit seinem autoritären Stil unzufrieden und beklagen etwa Beschränkungen beim Alkoholverkauf. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagte, dass die Reaktion der Polizei gegen die zunächst friedlichen Proteste überzogen sei.

Im Zuge des Wirtschaftsbooms in seinem Land setzt Erdogan auf etliche Großprojekte, etwa eine dritte Brücke über den Bosporus, einen neuen Flughafen und weitere Bauten in Istanbul. Stadtplaner, Wissenschaftler und linke Politiker haben die Vorhaben kritisiert und argumentieren, dass es in der Millionenstadt schon jetzt nicht genügend Parks gebe. Für Erdogan sind die Bauvorhaben ein Symbol für einen Wiederaufstieg der Türkei.