Woher kommt der Hass im brisanten Ländle-Duell?

Darum ist VfB Stuttgart gegen Karlsruher SC eines der heißesten Derbys in Deutschland

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22. November 2019 - 12:37 Uhr

VfB - KSC erhitzt die Gemüter

Verein für Bewegungsspiele Stuttgart gegen Karlsruher Sportclub: Baden-Württemberg rüstet sich für das große Ländle-Derby am Sonntag (13.30 Uhr). Wenn der Club aus der Landeshauptstadt und der aus der zweitgrößten Stadt BaWüs aufeinander treffen, ist eine hitzige Derby-Atmosphäre garantiert. Doch woher kommt diese Feindseligkeit zwischen Schwaben und Badenern? So viel sei schon mal verraten: Napoleon hatte seine Finger im Spiel.

Friedensbotschaft von Joachim Löw

Dass die Begegnung VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC keine gewöhnliche ist, zeigt schon die eigens aufgenommene Videobotschaft von Bundestrainer Joachim Löw. Für beide Vereine sprach er eine sanfte Jogi-Friedensbotschaft mit dem Tenor ein: Möge doch bitte alles friedlich bleiben. Der 59-Jährige hat eine badische und schwäbische Vergangenheit (als Profi und Trainer) und kennt beide Clubs sehr gut.

Badener mögen Schwaben nicht, Schwaben mögen Badener nicht

Maik Franz und Mario Gomez
Maik Franz und Mario Gomez lieferten sich 2008 ein legendäres Derby-Duell. Nach einigen harten Zweikämpfe bezeichnete Gomez seinen Gegenspieler als "Arschloch"
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Löw weiß also, was dem Ländle am Sonntag mal wieder bevorsteht. Fußball-Ausnahmezustand samt dem zugehörigen Brimborium: Wasserwerfer, Polizei, Materialverbote und strenge Kontrollen.

Die Fanlager wollen die Derby-Bühne nutzen, denn die Duelle sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich seltener geworden. In den letzten 20 Jahren gab's nur sechs Aufeinandertreffen.

"Es ist wie Krieg", sagte einst KSC-Verteidiger Maik Franz martialisch vor dem Derby. Eine leider oft bemühte Metapher rund um das Südwest-Derby, die weit übers Ziel hinausschießt und schon deshalb schief ist, weil Baden und Schwaben nie Krieg gegeneinander geführt haben.

Dennoch lässt sich die immense Abneigung, die von vielen fast schon folkloristisch gehegt wird, nicht bestreiten. Wer den großen Fehler macht, einen Schwaben als Badener oder umgekehrt zu bezeichnen, sollte damit rechnen, empört zurechtgewiesen zu werden. Auch wenn Außenstehende beide gerne vermengen - sei es wegen ähnlicher Sprechweise oder der Verbundenheit zum Weinbau - die Ablehnung der jeweils anderen Gruppe wird halb ironisch, halb ernst reklamiert. Die Hassliebe geht zurück bis ins frühe 19. Jahrhundert.

Daher rührt die Abneigung

Fahne Baden
In badischen Fußballstadien ist die entsprechende Fahne häufig zu sehen
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Als nach Napoleons Eroberungszügen Europa neu geordnet wurde, erhielt Baden 1806 den Status als Großherzogtum, während Württemberg zum Königreich befördert wurde – das löste Verärgerung beim direkten Nachbarn aus. So entwickelte sich langsam das Feindbild gegenüber der bevorzugten Schwaben. Trotzdem lebten die Nachbarn erstmal einigermaßen friedlich nebeneinander her.

Der nächste Aufreger folgte 1951: Sechs Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde über ein neues südwestdeutsches Bundesland abgestimmt. In Württemberg gab es dafür eine Mehrheit – Gesamt-Baden stimmte mehrheitlich dagegen, schaute aber in die Röhre. Denn in der Gesamtabrechnung wollten mehr Bewohner das neue Bindestrich-Bundesland. So wurde Baden und somit auch Karlsruhe vom großen und ungeliebten Nachbarn aus Stuttgart regiert – bis heute.

Bildnummer: 00692472  Datum: 22.10.1994  Copyright: imago/MISFredi Bobic (vorn, Stuttgart) gegen Slaven Bilic (KSC); Vdia, hoch, Zweikampf, Duell, Ball, Saison 1994/1995, VfB Stuttgart - Karlsruher SC 4.0, Karlsruhe, Stuttgart Dynamik, Fußball 1. BL
Fredi Bobic (r.) ist der Top-Torschütze der Schwaben im Derby (7 Treffer)

Was das Spiel besonders macht: Im Vergleich zu anderen Derbys ist nicht nur eine Stadt, sondern ein ganzes Bundesland gespalten. Die Rivalität und Abneigung wechselte von der politischen Ebene auf den Rasen, immer dann, wenn sich eben Baden-Württembergs größter Sportverein – der VfB – und der Karlsruher SC messen. Ein klassischer Stellvertreter-Streit.

Besonders viele davon gab es in den 1990er Jahren, als beide noch international kickten und Fußball-Größen wie Oliver Kahn, "Icke" Häßler und Sean Dundee auf KSC-Seite und das magische Dreieck Krassimir Balakow, Fredi Bobic und Giovane Elber auf der anderen Seite die Schuhe schnürten.

Auch in der 2. Liga geht's zur Sache

Nun begegnen sich die beiden Clubs eine Etage tiefer in der 2. Bundesliga. Der Rivalität tut das keinen Abbruch. Bis zu 600 Polizisten sind im Einsatz, Wasserwerfer werden wieder vor dem Stadion in Bad Cannstatt geparkt. Aufgrund der Vorfälle im vergangenen Derby 2017 (das Spiel stand vor dem Abbruch, da aus dem Gästeblock Leuchtraketen auf das Spielfeld geschossen wurden) dürfen die KSC-Fans diesmal keine Fahnen ins Stadion bringen, zudem gilt ein Choreoverbot, viele Karsruhe-Anhänger hatten im Vorfeld bereits Betretungsverbote für die Gegend ums Stadion kassiert.

Dennoch, oder gerade deswegen, wird es am Sonntag hitzig werden: "Gelbfüßler, Badenser," auf der einen Seite, "Schwabenseggl, Schwabensau" auf der anderen. Auch am Sonntag werden sich die Fangruppen auf einen Abstand von ca. 200 Metern sämtliche Beleidigungen entgegenschleudern, die der süddeutsche Zungenschlag so hergibt.

Eine deutliche Sprache spricht die Bilanz. Seit 1965 haben die Schwaben kein Heimderby gegen Karlsuhe verloren.