Vettel vs. Alonso: Die WM-Rivalen im Titel-Check

Fernando Alonso muss in Brasilien 13 Punkte auf Sebastian Vettel aufholen, um noch Weltmeister zu werden.
Fernando Alonso muss in Brasilien 13 Punkte auf Sebastian Vettel aufholen, um noch Weltmeister zu werden.
© dpa, David Ebener

21. November 2012 - 10:14 Uhr

Die Formel-1-Saison biegt auf die Zielgerade, beim Brasilien-GP in Sao Paolo kommt es zum lang ersehnten Showdown zwischen Sebastian Vettel und Fernando Alonso. Während RTL-Experte Niki Lauda "jetzt schon garantiert, dass Sebastian dort Weltmeister wird", halten sich die Kontrahenten um die WM-Krone merklich zurück. Strecke, Wetter Auto, Erfahrung – was spricht vor dem Rennen in Interlagos für wen? Wir nehmen unter die Lupe, wer in Brasilien wo die Nase vorne hat.

WM-Stand: Vorteil Vettel

Nimmt man die nackten Zahlen, ist Vettel klar im Vorteil: Mit 273 Punkten weist der Red-Bull-Mann 13 Zähler mehr auf als Alonso. Sollte der Ferrari-Fahrer in Brasilien gewinnen, reicht Vettel schon ein 4. Platz, um seinen Titel zu verteidigen. "Wir haben nach wie vor sehr gute Chancen. Aber wir dürfen nicht nachlassen", meint Vettel, dessen Titelrivale aber nicht locker lässt. "Meine Chance liegt vielleicht bei 25 Prozent. Aber tief in mir drin spüre ich, dass sie viel größer ist", so Alonso, der aber selbst bei Punktegleichstand nur Vize-Weltmeister wird, weil Vettel mehr Siege eingefahren hat.

Strecke: Vorteil Vettel

Nach Ansicht der Experten sind die 'Bullen' auf dem Kurs in Sao Paolo schneller als die Ferraristi. "Sie haben mehr Anpressdruck und die bessere Aerodynamik, und deswegen kriegen sie die Reifen besser zum Funktionieren. Das spielt alles zusammen", erklärt der ehemalige F1-Pilot Mark Surer, dem auch Lauda zustimmt. "Ich behaupte, dass Red Bull dort um einen Tick schneller sein wird als alle anderen."

Allerdings birgt die Strecke in Interlagos einige Stolpersteine, die das Rennen total auf den Kopf stellen können. "Dort passiert immer etwas Dramatisches", weiß der 'Sky Sports F1'-Experte Martin Brundle. Möglich machen es vor allem die zahlreichen Bodenwellen, die es auf dem Kurs gibt, sowie die tropischen Temperaturen, die sowohl von den Fahrern als auch ihren Boliden alles abverlangen.

Statistik: Vorteil Vettel

Nicht nur, dass in den letzten beiden Jahren immer ein Red-Bull-Mann in Interlagos ganz oben auf dem Treppchen stand, auch der direkte Vergleich mit Alonso spricht für den Deutschen: Vergangene Saison wurde Vettel Zweiter, der Spanier nur Vierter, im Jahr davor belegte Alonso bei einem Sieg von Vettel nur den 3. Platz. Was ebenfalls für Vettel spricht: Unabhängig davon, in welchem Auto er bisher saß, Alonso hat das Rennen in Sao Paolo noch nie gewonnen.

Wetter: Vorteil Alonso

Laut den aktuellen Prognosen soll es am Samstag beim Qualifying teils heftige Gewitter geben, am Sonntag sind in Sao Paulo momentan Schauer vorausgesagt – was Alonso in die Karten spielen würde. Im bisherigen Saisonverlauf wurde deutlich, dass der Ferrari im Regen besser funktioniert als der Red Bull: Alonso gewann das Regenrennen in Malaysia, wo Vettel nur auf Platz 11 landete, und holte im Regen von Hockenheim und Silverstone jeweils die Pole Position.

Vettels Angst vor der Lichtmaschine

Auto: Unentschieden

Eigentlich kommen die Red Bull mit der Buckelpiste in Interlagos besser klar als die Ferrari. "Brasilien ist immer ein Fragezeichen, aber die Strecke passt zu uns. Die letzten Jahre waren immer gut", weiß Vettel, der allerdings einen Unsicherheitsfaktor an Bord hat: seine Lichtmaschine. Beim Rennen in Texas streikte das von Motorenlieferant Renault hergestellte Teil zum dritten Mal in dieser Saison; zum Glück für Vettel beim seinem Teamkollegen Webber, doch zuvor hatte es den Titelverteidiger getroffen. "Renault muss sich etwas einfallen lassen. Die Zuverlässigkeit macht uns Sorgen", so Red-Bull-Boss Helmut Marko.

Stallgefährte: Vorteil Alonso

Während Ferrari-Mann Felipe Massa in Brasilien ein Heimspiel hat, gelten Vettel und sein Teamkollege Mark Webber nicht als die besten Freunde. Massa, der jüngst in Austin für Alonso in die Bresche sprang, als er wegen eines angeblichen Getriebewechsels in der Startaufstellung nach hinten rückte, um seinen Stallgefährten einen besseren Startplatz zu verschaffen, gilt als Edelhelfer. Webber ist dagegen kein Teamplayer, er will selbst lieber um Siege mitfahren.

Deshalb sieht auch der ehemalige F1-Pilot Johnny Herbert die Scuderia im Vorteil. Webber müsse die Vergangenheit hinter sich lassen und "in dieser Phase der Saison nun Schützenhilfe" leisten, so der Brite, der Massa als Trumpf-Ass für die Roten im WM-Kampf sieht. "Sie haben einen brasilianischen Fahrer und sind auf der ganzen Welt sehr populär. Dort wird man sicherlich mehr rote als blaue Flaggen sehen und die Unterstützung auch spüren", sagte Herbert dem TV-Sender 'Sky Sports F1'.

Erfahrung: Unentschieden

Mit zwei WM-Titeln wissen beide, wie es sich anfühlt, sich die F1-Krone aufzusetzen. Dennoch weist Alonso (196 F1-Rennen, 30 Siege) gegenüber Vettel (100 F1-Rennen, 22 Siege) gerade in Alles-oder-Nichts-Situationen die größere Erfahrung auf. "Er hat in dieser Saison in fast jedem Rennen ein Wunder benötigt, und irgendwie hat es immer geklappt", erklärt Ex-Pilot Damon Hill. Was für Vettel spricht, ist das Saison-Finale von 2010, als er sich im letzten Rennen noch den Titel schnappte.

Mit seinen acht Jahren, die er als Fahrer im F1-Zirkus verbracht hat, weiß Hill, wie sich solch eine Drucksituation anfühlt: "Sie werden sich wie in einer Blase fühlen, denn sie wissen, dass es noch eine Gelegenheit gibt. Sie werden aber auch aufgeregt sein, weil nun die Entscheidung fallen wird", so der Weltmeister von 1996. Insgesamt ist es allerdings kaum denkbar, dass einer der beiden Piloten das große Nervenflattern bekommt.