Vettel hält es mit Kästner: Bescheidenheit - nein danke

05. Juni 2015 - 16:09 Uhr

Aus Montreal berichtet Daniel Grochow

In fünf von sechs Rennen auf dem Podium, einmal sogar ganz oben auf dem Treppchen: Für Sebastian Vettel läuft die erste Saison mit Ferrari nahezu perfekt - zufrieden ist der Star der 'Roten' aber trotzdem nicht. Frei nach einem Bonmot von Erich Kästner, wonach Bescheidenheit nur ein Bremsklotz ist, gibt der Deutsche in Montreal die forschen Ziele mit der Scuderia aus: "Ganz nach vorne" soll es bitte gehen.

Sebastian Vettel, Ferrari, Montreal
Sebastian Vettel will Mercedes mit Ferrari den Rang ablaufen.
© imago/HochZwei, imago sportfotodienst

Im Stadtzentrum von Montreal formulierte Sebastian Vettel schon am frühen Donnerstagmorgen einen Satz, den die Journalisten an diesem Tag noch oft hören sollten. "Wenn wir so weitermachen, bin ich zuversichtlich, dass wir Mercedes bald einholen", sagte der Ferrari-Pilot am Rande eines Sponsoren-Termins, bei dem er einmal mehr betonte, wie glücklich er sei, für die 'Roten' fahren zu dürfen. "Wir haben gute Leute im Team und das Wissen, um nach vorne zu kommen, aber wir brauchen noch Zeit."

Während Vettel noch nicht sagen wollte, wie lange die Wachablösung auf sich warten lässt, wähnen ihn einige Experten schon an diesem Wochenende wieder auf Augenhöhe mit den Silberpfeilen. Der Grund: Ferrari ist mit einem Motoren-Uprade nach Kanada gereist, das dem Deutschen und seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen angeblich zusätzliche 30 PS bringen sollen. Damit hätte Vettels 'Eva' mit geschätzten 820 Pferdestärken nur noch 10 weniger unter der Haube als Nico Rosberg und Lewis Hamilton im Mercedes. "Ich denke, wir machen damit wieder einen Schritt in die richtige Richtung, um die Spitze anzugreifen", sagte Vettel, stellte aber auch umgehend klar: "Mercedes bleibt hier sicherlich der Favorit."

Vettel will "nach vorne, ganz nach vorne"

Dennoch dürfen die Scuderia-Fans von einer Überraschung träumen, schließlich sollte der Parcours auf der Ile de Notre Dame dem Ferrari in die Karten spielen. Der Highspeed-Kurs mit vier Geraden, auf denen mehr als 300 km/h gefahren wird, ist ganz nach dem Geschmack von Vettel, dessen Auto es in Sachen Topspeed schon in den vergangenen Wochen mit den Mercedes aufnehmen konnte. Gelingt es dem Deutschen obendrein, die weichen Reifen noch schneller als zuletzt auf Temperatur zu bringen, könnte der Ferrari-Mann am Ende aus eigenen Kräften wieder ganz oben auf dem Treppchen stehen.

Langfristig will der viermalige Weltmeister aber nicht nur um Siege, sondern auch wieder um die F1-Krone mitfahren. Mit fünf Podiumsplätzen und allen voran dem Triumph in Malaysia "wurden die Erwartungen teilweise schon übertroffen, aber unsere eigenen Ansprüche sind sehr hoch", berichtet Vettel, der immer wieder von der "außergewöhnlichen Atmosphäre" bei Ferrari schwärmt: "Ich denke, jeder ist bis in die Haarspitzen motiviert, dass es nach vorne geht. Wir wissen aber auch, dass das nicht von heute auf morgen geht, dafür ist der Abstand noch zu groß."

Der viermalige Weltmeister ist lange genug im Geschäft, um die Kräfteverhältnisse abzuschätzen, an seiner grundsätzlichen Zielausrichtung ändert das aber nichts. Auf die Frage, wo er denn hin möchte, antwortete Vettel: "Nach vorne, ganz nach vorne." Was der deutsche Schriftsteller Erich Kästner schon vor langer Zeit wusste, hat scheinbar auch der Ferrari-Pilot verinnerlicht: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr."