Verwahrlostes Mädchen aus Eberswalde

Gericht entscheidet: Eltern verlieren Sorgerecht für Tochter Mia (5)

Vernachlässigtes Kind in Eberswalde kam in Obhut
Vernachlässigtes Kind in Eberswalde kam in Obhut
© dpa, Patrick Pleul, ppl dul

10. Februar 2020 - 14:10 Uhr

RTL liegt Beschluss des Amtsgerichts vor

Die Liste der Vorwürfe des Jugendamts Barnim gegen die Eltern der fünfjährigen Mia aus Eberswalde ist lang: Zwei bis drei Jahre soll das Mädchen kein Tageslicht gesehen, keinen Arzt besucht und keine Fürsorge erfahren haben. Kurz vor Weihnachten reagierte das Jugendamt. Mia und ihre beiden Geschwister wurden aus der Wohnung der Eltern geholt und - mit deren Einverständnis - in die Obhut des Jugendamts übergeben. Doch die Eltern hatten ihre Zustimmung im Januar widerrufen. Das Jugendamt klagte und stellte einen Antrag auf Entzug des Sorgerechts. Am 2. Februar entschied das Amtsgericht Eberswalde: Mias Eltern verlieren vorläufig das Sorgerecht für ihre Tochter. Der Beschluss liegt der RTL-Redaktion vor.

Mia soll jahrelang nicht beim Arzt gewesen sein

Der Teilbeschluss des Amtsgerichts Eberswalde liest sich wie eine Gruselgeschichte. Die fünfjährige Mia weise schwere Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten auf, heißt es dort. Sie verfüge über keinen Wortschatz und kommuniziere nur nonverbal. Sie habe weder einen Kinderarzt, noch eine Kindertagesstätte besucht. Die Wohnung der Eltern habe sie über einen längeren Zeitraum nicht verlassen. Nach Überzeugung des Gerichtes sei demnach das körperliche, geistige und seelische Wohl des Kindes gefährdet. Mias Eltern hätten die Fürsorgepflicht gegenüber ihrer Tochter massiv verletzt, so das Amtsgericht. Das Gericht sieht die Eltern nicht im Stande, die Lage des Kindes zu verbessern.

Aus diesem Grund wird den Eltern das Sorgerecht für Mia entzogen und dem Jugendamt übertragen, heißt es im Beschluss. Das gilt allerdings nur für die Fünfjährige, nicht für ihre beiden Geschwister. Bei dem Beschluss handelt es sich allerdings um eine vorläufige Maßnahme. Die endgültige Entscheidung über das Sorgerecht soll erst im Hauptverfahren fallen. Sowohl das Jugendamt als auch das Amtsgericht wollten sich nicht weiter dazu äußern.

Verwahrlostes Mädchen soll sich von Chips und Salzstangen ernährt haben

In diesem Schreiben berichtet das Jugendamt über das Familienleben.
In diesem Schreiben berichtet das Jugendamt über das Familienleben.
© Jugendamt

Im Antrag des Jugendamts, der ebenfalls der RTL-Redaktion vorliegt, wird das Familienleben detailliert beschrieben. So werfen die Beamten den Eltern vor, dass sie mit der Kindeserziehung enorm überfordert gewesen sein sollen und die Kinder keine ausreichende Tagesstruktur gehabt haben sollen. Unter anderem soll die Mutter viel geschlafen und im Bett gelegen haben. Den Kindern sollen beide Elternteile körperliche Gewalt angedroht haben, Streit soll zum Alltag gehört haben. Außerdem soll sich Mia überwiegend von Chips, Salzstangen sowie Milch und Kakao ernährt haben. Die Behörde untermauert ihre Behauptungen mit einem vorläufigen Arztbericht, der Mangelversorgung und Unterernährung ausweise.​

In dem Fall steht das Jugendamt selbst in der Kritik. Obwohl die Familie der Behörde schon seit zwei Jahren bekannt gewesen war, wurden die Kinder erst im Dezember aus der Obhut der Familie geholt. Das Jugendministerium in Brandenburg leitete daraufhin ein Verfahren gegen das Jugendamt des Landkreises Barnim ein. 

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Mutter bestreitet alle Vorwürfe im RTL-Interview

Im Interview mit RTL-Reporter Heinz Kegl hatte sich Mias Mutter bereits im Januar gegen die Vorwürfe gewehrt. "Weihnachten war eine Katastrophe. Es war herzzerreißend, als alle drei Kinder aus der Wohnung geholt wurden", erzählt Kathleen S. zu dem Vorwurf, dass Mia jahrelang im Dunklen gelebt haben soll, sagt sie: "Die Jalousien sind oft unten, weil die Wohnung im Erdgeschoss ist. Es gibt keine Vorhänge von innen. Wir wollen ja nicht, dass man uns in die Wohnung reinschaut." 2017 habe es beim Jugendamt erstmals eine Meldung wegen Kindeswohlgefährdung gegeben. Danach sei es zu einem Gespräch gekommen, doch der Vorwurf sei widerrufen worden.

Auch Mias Halbbruder Paul bestreitet die Vorwürfe. Von dem Besuch des Jugendamtes sei er völlig überrascht gewesen. "Die wollten den Kühlschrank sehen und dann fing es auf einmal an, dass die (Mia: Anm.d.Red.) weg soll", so der 24-Jährige. Danach hätten sie das weinende Kind mitgenommen.