Nix da, geschenkter Sieg

Verteidigungsstrategie und Hammer-Out-Lap - so gewann Vettel den Singapur-GP

Grand Prix von Singapur
© dpa, Vincent Thian, AW hen bsc

23. September 2019 - 16:23 Uhr

Verteidigung war Vettels bester Angriff

Charles Leclerc war bei Sebastian Vettels Singapur-Triumph stinksauer. "Das ist nicht fair", schnaubte der junge Monegasse noch während des Nachtrennens in den Scuderia-Funk. Leclercs (impliziter) Vorwurf: Vettel sei durch einen frühen Boxenstopp bewusst an ihm vorbei gelotst worden. Schnell machten Verschwörungstheorien die Runde, Ferrari habe dem zuletzt angeschlagenen Vettel den Sieg durch die Ansage am Kommandostand geschenkt, Leclerc sei in Singapur ein "Bauernopfer" gewesen. Alles heiße Luft. Denn: Vettels erster Sieg nach 392 Tagen Durststrecke war die Folge einer roten Verteidigungs-Strategie – und einer famosen Runde des viermaligen Formel-1-Champions.

Ferrari sicherte Vettels 3. Platz gegen Verstappen ab

3,3 Sekunden lag Vettel in Runde 20 hinter seinem Ferrari-Rivalen, als der 32-Jährige im Lichtermeer Singapurs in die Boxengasse abbog, um sich frische Pneus abzuholen. Ein Undercut gegen den 2,4 Sekunden vor ihm fahrenden Lewis Hamilton im Mercedes, vermutete RTL-Kommentator Christian Danner sofort. Also: ein früher(er) Stopp, um mit frischen Reifen so viel Vorsprung auf den direkten Kontrahenten herauszufahren, um nach dessen Garagen-Visite vorne zu sein.

Das Ergebnis gab Danner zwar recht. In erster Linie war Vettels zeitiger Reifenservice aber ein Verteidigungsmanöver gegen Red-Bull-Mann Max Verstappen. Der Holländer hatte Probleme mit seinen Soft-Walzen, knatterte in der 20. Runde ebenfalls in die Garage – direkt hinter Vettel.

Binotto: Timing war genau richtig

"Verstappen war bereit zu stoppen, das wussten wir. Die beste Option, Sebastians Position gegen einen Undercut von Verstappen zu verteidigen war es, Sebastian auch zum Stopp zu holen", erklärte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto den Schachzug: "Damit haben wir auch sichergestellt, dass die Pitcrew für einen Stopp von Charles in den nächsten Runden frei war. Es war das richtige Timing für Sebastian, darüber gibt es keine Diskussion. Und als Folge war es auch das richtige Timing, Charles eine Runde später zu holen."

Soll heißen: Ohne den frühen Stopp wäre Vettel hinter Verstappen zurückgefallen und nicht am Silberpfeil von Lewis Hamilton vorbeigekommen. Ferrari hätte also nicht das Maximum erreicht.

Ferrari-Hirne dachten, dass Leclerc vorne bleibt

Nur mit einem rechneten die Scuderia-Strategen nicht: dass Leclerc nach seinem Stopp in die Röhre respektive Vettels Heck gucken würde. "Der Undercut war stärker, als wir ihn erwartet hatten. Wir dachten, dass Charles vorne bleibt, wenn er eine Runde später kommt", gab Binotto freimütig zu.

Zum unbeabsichtigten Platztausch der Ferrari-Piloten kam es, weil Vettel eine unfassbar gute Out-Lap hinknallte. 3,9 Sekunden habe der Singapur-Rekordsieger mit frischen Reifen herausgeholt, rechnete Binotto vor. Kommt hin: Denn beim Reifenwechsel hatte Vettel (3 Sekunden Stoppzeit) sogar noch sechs Zehntel auf Leclerc (2,4) verloren.

Rosberg: Eine der besten Vettel-Runden aller Zeiten

"Die Out-Lap, die er da gemacht hat auf den harten Reifen, war mit Sicherheit eine der besten Runden, die er je gefahren ist", lobte RTL-Experte Nico Rosberg in seiner Youtube-Rennanalyse. Der Computer habe vorgerechnet, dass man auf den neuen Schlappen lediglich zwei Sekunden herausfahren könne, so Rosberg. Heißt: Vettel beförderte seinen SF90 fast doppelt so schnell durch die engen Kurven Singapurs wie von den Algorithmen erlaubt.

Danach war die Nummer durch, auch weil Vettel dem F1-Überflieger Leclerc eine Lehrstunde in Sachen 'wie presse ich mich an langsameren Autos vorbei' erteilte. In Windeseile schnupfte der 53-malige GP-Sieger die Mittelfeld-Riege Lance Stroll, Daniel Ricciardo und Pierre Gasly auf – letzteren mit einem knüppelharten Manöver wie zu besten Vettel-Zeiten. Leclerc brauchte viel länger, um den 'Trödel-Trupp' zu überholen.

Vettel ermahnt Leclerc

Dass der ehrgeizige Leclerc nach dem verpassten Sieg-Hattrick mächtig stinkig war, ist verständlich. Seine bisweilen unflätige Art am Ferrari-Funk sollte sich der 21-Jährige aber lieber sparen. Die Scuderia-Strategen lagen in Singapur – anders als die Konkurrenz von Mercedes – genau richtig. Was in Maranello zählt, ist der Doppelsieg.

"Du bist immer auf dem Holzweg, wenn du denkst, dass du größer sein kannst als dieses Team", sagte Vettel nach seiner südostasiatischen Erlösung. Sein junger Rivale sollte die Worte vernommen haben.

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