Verschärft sich die EHEC-Krise wieder?

© dpa bildfunk

27. Juli 2011 - 11:45 Uhr

Keim aus Kläranlage in Gewässer gelangt?

Die EHEC-Gefahr schien eingedämmt, doch nun das: In Hessen ist der Keim erstmals nachweislich von Mensch auf Lebensmittel übertragen worden - und hat sich so ausgebreitet. Auch in einem Bach bei Frankfurt wurde der aggressive EHEC-Erreger O104:H4 entdeckt.

Der Erlenbach liegt wenige hundert Meter entfernt von dem Hof, bei dem jüngst der EHEC-Erreger auf Salatproben entdeckt wurde, wie ein Sprecher des hessischen Umweltministeriums sagte. Die Behörden hatten den Bach nach dem Fund des Erregers auf einem Salatkopf untersucht, der aus einem Betrieb stammte, der das Wasser des Baches nutzt. Den angrenzenden Betrieben wurde untersagt, Wasser aus dem Erlenbach für die Bewässerung ihrer Kartoffeln, Zuckerrüben und Stärkekartoffeln zu nutzen.

Ein Verdacht als Ursache für die Kontamination richtet sich gegen eine Kläranlage, die aufbereitetes Wasser in den Bach einleitet. Eine Gefahr für das Trinkwasser besteht nach Angaben des Ministeriums nicht. Die B-Probe solle in einigen Tagen vorliegen. Damit könne das Bakterium vom Typ 0104 endgültig nachgewiesen werden. Bislang gebe es nach dem Fund keine neuen Krankheitsfälle.

Der renommierte EHEC-Forscher Helge Karch glaubt, dass der gefährliche Darmkeim sich im Moment vermehrt in der Umwelt ablagert. "Viele Menschen scheiden derzeit den Erreger aus", sagte der Professor des Universitätsklinikums Münster (UKM) bei einem Besuch von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Über die Fäkalien von EHEC-Patienten könne der Keim in die Umwelt gelangen und sich dort einnisten. Der Erreger bilde eine Schleimschicht, in der er sich einniste und auch längere Zeiträume gut überstehe, sagte Karch.

Mensch überträgt Keime auf Essen

In Hessen ist indes der gefährliche EHEC-Keim von einer Catering-Mitarbeiterin auf Lebensmittel übergesprungen und hat so 20 weitere Menschen krank gemacht. Seit Freitag liegen die Ergebnisse von Labortests vor und bestätigten bisherige Vermutungen, wie Sozial- und Verbraucherministerium in Wiesbaden mitteilten. Wie genau der Keim auf die Lebensmittel gelangte und ob es ein Hygieneproblem in dem Betrieb gibt, werde nun untersucht, sagte der Sprecher des Kreises Kassel, Harald Kühlborn. Möglich sei, dass ein infizierter Gebrauchsgegenstand des Betriebs eine Rolle spielte, sagte Kühlborn.

Die Mitarbeiterin des Partyservices war selbst mit dem lebensbedrohlichen Keim infiziert, als sie Speisen für eine Feier in Niedersachsen zubereitete. Sie hatte aber noch keine Symptome. Den Erkenntnissen zufolge übertrug sie den Keim auf mehrere Lebensmittel. Später erkrankte sie an der durch EHEC verursachten Komplikation HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom). Nach der Feier erkrankten auch 20 von 65 Gästen. Bei HUS können unter anderem Nierenschäden und neurologische Störungen auftreten.

Der wegen EHEC-Sprossen gesperrte Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel bleibt indes geschlossen. "Bevor wir ihn wieder freigeben, müssen alle Proben ausgewertet werden", sagte ein Sprecher des Agrarministeriums in Hannover. Dies werde "mindestens einige Tage bis einige Wochen" dauern. Noch ist unklar, wie der lebensbedrohliche Erreger auf die Sprossen des Biohofs gelangt ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät weiter vom Verzehr roher Sprossen ab, ebenso von selbstgezogenen rohen Sprossen und Keimlingen.

Bundesweit gehe die Zahl der Neuinfektionen seit geraumer Zeit zurück, sagte eine Sprecherin des Robert Koch-Instituts (RKI). Seit dem Ausbruch des aggressiven Darmkeims sind in Deutschland mindestens 38 Menschen gestorben, mehr als zwei Drittel davon in den nördlichen Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen. Laut RKI sind seit Anfang Mai bundesweit bisher 2610 EHEC-Fälle bekannt und 798 mit dem schweren HUS-Verlauf.