Verheerendes Presseecho für Wulff

Nachdem Bundespräsident versuchte die Berichterstattung der 'Bild'-Zeitung zu seinem Privatkredit zu beeinflussen, hagelt es Kritik in der Presse.
Nachdem Bundespräsident versuchte die Berichterstattung der 'Bild'-Zeitung zu seinem Privatkredit zu beeinflussen, hagelt es Kritik in der Presse.
© dpa, Maurizio Gambarini

10. Februar 2016 - 12:15 Uhr

"Von allen guten Geistern verlassen"

Nicht nur auf politischer Ebene hagelt es Kritik am Fehlverhalten des Bundespräsidenten. Gerade die Reaktionen der Presse setzen dem Staatsoberhaupt zu. So hat der Bundespräsident in den vergangenen Wochen mehrfach von der Pressefreiheit als 'hohem Gut' gesprochen, doch mit seinem Versuch, der Berichterstattung der 'Bild' einen Riegel vorzuschieben, löste der Bundespräsident eine Welle der Empörung aus.

"Auch für Bundespräsident Wulff stellt die Pressefreiheit ein so 'hohes Gut' dar, dass er in den vergangenen drei Wochen dreimal davon sprach. Das erste Mal tat er es in Qatar; zum zweiten Mal, als er kurz vor Weihnachten eine Erklärung in eigener Sache abgab; zuletzt gestern, nachdem Berichte über eine ausführliche Nachricht erschienen waren, die Wulff auf der Mailbox des 'Bild'-Chefredakteurs Diekmann hinterlassen hat, kurz nachdem er am Golf über die Bedeutung der Pressefreiheit gesprochen hatte. Was über Wulffs Äußerungen in diesem Anruf kursiert, passt zu den öffentlichen Bekenntnissen freilich so wenig wie die Finanzierung eines Hauskaufs mittels eines rollierenden Geldmarktdarlehens zur schwäbischen Hausfrau. Es passte nur zu einem Staatsoberhaupt, das von allen guten Geistern verlassen worden ist", hieß es in der 'FAZ'.

Die 'taz' äußert ihre Häme nicht weniger zurückhaltend: "Wulff hat sich benommen wie ein Provinzbürgermeister, der glaubt, die ansässige Lokalzeitung nach Gutdünken maßregeln zu können. Als Präsident stellt er ein Verfassungsorgan des Staates dar, er hat die Pressefreiheit zu achten, zu schützen und zu verteidigen."

Die 'Süddeutsche' hält das Amt des Bundespräsidenten für Wulff zu groß: "Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen oder anrufen lassen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt. Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß."

'Die Hannoversche Allgemeine Zeitung' geht ebenfalls hart mit dem verhalten des Bundespräsidenten ins Gericht. Doch auch die Gegenseite wird nicht verschont: "Hatte ein Bundespräsident es jemals nötig, erklären zu lassen, dass er die Pressefreiheit achte? Ein Fehler lag schon darin, den Chefredakteur von 'Bild' überhaupt nur anzurufen; so etwas tut ein Bundespräsident nicht. Ein zweiter Fehler lag darin, sich mit drohendem Ton auf einer Mobilbox zu verewigen. Zwar gehört immer eine zweite Stillosigkeit dazu, solche Dinge öffentlich zu machen. Doch die zweite Stillosigkeit macht die erste nicht besser."

Im Leitartikel der 'WAZ' sorgt sich Ulrich Reitz um den Schutz des Amtes das Wulff bekleidet. "Es ist eine gute Tradition in Deutschland, das oberste Staatsamt und dessen Amtsinhaber mit Respekt zu behandeln. Im Fall Christian Wulffs muss man allerdings einen Unterschied machen zwischen Amt und Amtsinhaber. Inzwischen muss man sogar fragen, ob nicht der Amtsinhaber das ihm anvertraute Amt beschädigt. Dann wäre das Amt vor dessen Inhaber zu schützen."

"Ein Bundespräsident, der sich in dürren Worten zur Pressefreiheit bekennt, um sie in entscheidenden Momenten mit Füßen zu treten, erscheint in einer offenen Gesellschaft denkbar deplatziert", schrieb beispielsweise 'Die Welt'.

"Das ist unterste Schublade"

"Es war dumm von ihm, seine Drohungen, mit denen er im letzten Augenblick die Veröffentlichung über seine ominösen Darlehensverträge verhindern wollte, auf die Mailbox des Bild-Chefredakteurs zu sprechen. Das wäre ihm zu verzeihen. Aber die Drohungen selbst, sein Versuch, die Arbeit einer Zeitung durch Druck auf die Führung des Hauses zu unterbinden, ist unentschuldbar. Rechtlichkeit meint Redlichkeit. Von der aber versteht Wulff nichts", kommentiert die 'Frankfurter Rundschau' das Fehlverhalten Wulffs gegenüber Journalisten.

Die 'Stuttgarter Nachrichten' schreibt: "Mit jedem neuen Detail, das über die Amigo-Affäre des Bundespräsidenten ans Tageslicht kommt, wird es schwerer, Christian Wulff zu verstehen und was diesen Mann eigentlich umtreibt. Wulffs Verteidigungsstrategie erweckte von Anfang an den Verdacht, er bedauere und räume nur gerade das ein, was ohnehin nicht mehr zu leugnen ist. Sein Krisenmanagement ist stümperhaft, ja geradezu katastrophal. Es offenbart zudem ein höchst problematisches Amtsverständnis."

In der 'Ludwigsburger Zeitung' wird Wulff in die unterste Schublade gesteckt: "Ein ganz persönlicher präsidialer Wutanruf auf den Anrufbeantworter des Bild-Chefredakteurs, Drohungen mit dem Rechtsanwalt und mit dem medialen Bruch, falls die Kreditstory veröffentlicht werde - das ist, sorry, auf Niveau Berlusconi. Das ist unterste Schublade, jedenfalls in Deutschland und für dieses Amt. Ein sehr guter Präsident wird bewundert. Ein guter genießt Autorität. Ein mittelmäßiger wenigstens noch Respekt, und sei es bloß vor dem Titel. Was aber bleibt von und für Bundespräsident Christian Wulff?"

"Dieser Mann mauert. Er schweigt. Oder er droht. Und man fragt sich: Was kommt da noch, Herr Präsident? Wulff verspielt das Vertrauen der Bürger. In ihn selbst, aber auch in die gesamte politische Klasse. Das ist der eigentliche Skandal. Scheitert der Bundespräsident - und viel trennt ihn nicht mehr davon - dann scheitert er nicht an seiner Vergangenheit, sondern an seinem fragwürdigen Verhalten im Hier und Jetzt," kommentiert die 'Augsburger Allgemeine Zeitung' den Fall Wulff.

"Spätestens jetzt ist der Punkt erreicht, an dem man dem Hausherren im Schloss Bellevue dazu raten muss, dem Land einen letzten Dienst zu erweisen - zurückzutreten. Denn nicht die Medien, er selbst hat den Rubikon überschritten," schrieb 'Der neue Tag'.