Verhandlung gegen Oskar Gröning: Geständnis im vielleicht letzten großen Auschwitz-Prozess

15. Juli 2015 - 19:32 Uhr

"Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe"

Vor dem Landgericht Lüneburg hat wohl einer der letzten Auschwitz-Prozesse 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers begonnen. Der mittlerweile 93-jährige Oskar Gröning muss sich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen verantworten. Der frühere SS-Unterschaftsführer, der Jahrzehntelang unbehelligt in der Lüneburger Heide gelebt hatte, war im größten deutschen Vernichtungslager, Auschwitz-Birkenau, tätig.

Oskar Gröning, "der Buchhalter von Auschwitz" vor dem Landgericht Lüneburg
Der 93-jährige ehemalige SS-Mann Oskar Gröning muss sich vor dem Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen verantworten.
© dpa, Julian Stratenschulte

Gleich zu Beginn des Prozesses legte der Angeklagte ein umfangreiches Geständnis ab. "Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe." Außerdem räumte er ein, gleich bei seiner Ankunft in Auschwitz 1942 von der Massenvergasung der Juden erfahren zu haben. "Ich bitte um Vergebung. Über die Frage der strafrechtlichen Schuld müssen Sie entscheiden."

Gröning sagte in seiner zweistündigen Aussage auch, dass er zunächst ein Anhänger der Nazi-Propaganda gewesen sei und sich dachte: "Wenn die Juden unsere Feinde sind, ist es Teil des Krieges, dass sie erschossen werden." Erst als er die barbarischen Verbrechen an den Juden selbst miterlebte, sei es bei ihm zum Bruch mit der NS-Ideologie gekommen. So wurde er auf der Suche nach entflohenen KZ-Insassen Zeuge einer Vergasung in einem dafür umgebauten Bauernhof und hörte die langsam verstummenden Schreie der Opfer. Nachdem er sah, wie ein SS-Mann ein zurückgelassenes Baby gegen einen Lastwagen schlug und tötete, habe er Vorgesetzte eingeschaltet und um seine Versetzung an die Front gebeten, schilderte Gröning.

Der 'Spiegel' hatte ihn in einem Portrait den "Buchhalter von Auschwitz" genannt – ein Name, der immer noch von Journalisten verwendet wird. Gröning wird von der Staatsanwaltschaft Hannover vorgeworfen, dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Tötungsgeschehen unterstützt zu haben. Der SS-Mann soll in Auschwitz, wo über eine Million Menschen von den Nazis ermordet wurden, geholfen haben das von den Häftlingen zurückgelassene Gepäck beiseite zu schaffen. "Damit sollten die Spuren der Massentötung für nachfolgende Häftlinge verwischt werden", so die Staatsanwaltschaft. Außerdem habe er das aus dem Gepäck entnommene Geld gezählt und an die SS in Berlin weitergeleitet.

Die Anklage beschränkt sich auf die sogenannte 'Ungarn-Aktion' im Sommer 1944, als mindestens 137 Eisenbahntransporte aus Ungarn im Todes-Lager ankamen. In den Zügen befanden sich rund 425.000 überwiegend jüdische Menschen, von denen 300.000 kurz nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden. Gröning muss sich laut der Anklage darüber im Klaren gewesen sein, dass die als "nicht arbeitsfähig" eingestuften Ankömmlinge zum Sterben in die Gaskammern geschickt wurden. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm mindestens drei Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord.

"Ich fühle mich schuldig gegenüber dem Volk der Juden"

Bei dem Prozess geht es jetzt vor allem um die juristische Bewertung der Ereignisse von 1944, denn laut 'Spiegel' seien die Fakten seit Jahren bekannt. 1985 hatte die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main bereits ein Verfahren gegen Gröning aufgrund mangelnder Beweise für eine Beteiligung an den Morden eingestellt. Seit 2011 verlangt die deutsche Justiz aber keine Beweise für eine direkte Beteiligung an den Morden im KZ mehr, um ehemaligen Auschwitz-Aufsehern den Prozess zu machen. Jede Form der Beihilfe zu NS-Verbrechen genüge für eine Verurteilung, betonte der Opfer-Anwalt Thomas Walther.

Gröning selbst hatte aus einer Auschwitz-Vergangenheit nie ein Geheimnis gemacht. Er hatte sich dem Spiegel gegenüber in der Vergangenheit durchaus offen zu seiner moralischen Schuld bekannt, jedoch jede direkte Beteiligung an den Morden der Nazis abgestritten. "Ich fühle mich schuldig gegenüber dem Volk der Juden, in einer Truppe gewesen zu sein, die diese Verbrechen begangen hat, ohne dass ich dabei Täter war", sagte er dem Magazin. Weil er es in Auschwitz irgendwann nicht mehr ausgehalten habe und weil er nicht in den Holocaust miteinbezogen werden wollte, habe sich Gröning im Oktober 1944 versetzen lassen, heißt es in dem Artikel weiter.

Insgesamt 60 Holocaustüberlebende und Angehörige von Opfern treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Ihnen geht es nicht darum, wie hoch das Strafmaß ausfällt, sondern um späte Gerechtigkeit. "Wir kritisieren die jahrzehntelange Untätigkeit der deutschen Justiz und ihr Desinteresse, Gerechtigkeit herzustellen", sagte Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee, das Überlebende und ihre Angehörigen vertritt.

Auch der Nebenkläger-Anwalt Walther hofft, dass der Prozess anders werden könnte als vergangene Verfahren gegen Nazi-Täter: "Jeder Angeklagte hat die Möglichkeit zu schweigen, er hat aber auch die Chance zu sprechen." Gröning selbst habe ein wesentliches Element dieser Gerechtigkeit in seinen Händen, nämlich die Wahrheit, meinte der Jurist.

Das Medieninteresse an dem Prozess ist riesig, denn "mit zunehmendem Alter von Beschuldigten und Zeugen sinkt die Wahrscheinlichkeit weiterer großer Verfahren", sagte Kurt Schrimm, Leiter der NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg. Für den Prozess in Lüneburg wurde sogar eigens die 'Ritterakademie' angemietet, die sonst als Veranstaltungshalle genutzt wird, damit genug Sitzplätze bereitgestellt werden können.