Vergewaltigung von Tochter erfunden? Landgericht Memmingen rollt Prozess gegen Vater neu auf

© dpa, Karl-Josef Hildenbrand

29. Oktober 2013 - 16:35 Uhr

"Ich dachte, ich müsste mich an meinem Vater rächen"

Saß ein Familienvater sieben Jahre unschuldig hinter Gittern, weil seine Tochter eine Vergewaltigung erfunden hatte? 17 Jahre nach der Urteilsverkündung geht das Landgericht Memmingen in einem Wiederaufnahmeverfahren dieser Frage nach.

Der heute 62-Jährige war im Juli 1996 vom Landgericht Kempten wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Vergewaltigung in drei Fällen verurteilt worden. Nach Angaben eines Gerichtssprechers hatte die damals 15 Jahre alte Tochter den Vater beschuldigt, sie dreimal auf üble Weise vergewaltigt zu haben. Jetzt hat die inzwischen 33-Jährige ihre Vorwürfe widerrufen.

Unter Tränen erklärte die 33-Jährige ihren damaligen Vorwurf damit, dass ihre Mutter sie gegen den Vater aufgehetzt habe: "Mein Hass auf meinen Vater wurde immer größer. (...) Ich dachte, ich müsste mich an meinem blöden Vater rächen."

Mit Hilfe des Terminkalenders ihrer Mutter, die inzwischen gestorben ist, habe sie damals eine Geschichte konstruiert, mit der sie Ermittler, Gutachter und später auch das Gericht überzeugen konnte. Als es zur Verhandlung kam und ihr Vater zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, habe sie extreme Gewissensbisse gehabt - auch ihrem jüngeren Bruder gegenüber, der danach in eine Pflegefamilie kam.

"Aber ich hatte nicht den Mut, zur Wahrheit zurückzukehren", sagte die Frau, die inzwischen selber Mutter von drei kleinen Kindern ist. In den Folgejahren sei der Druck immer größer geworden. Erst als ihre eigene Tochter vor fünf Jahren auf die Welt kam, habe sie sich von der Last befreien wollen.

Laut früherer Anklage soll der Vater das Mädchen von November 1989 bis Mai 1991 dreimal zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Das Mädchen war zur angenommenen Tatzeit neun und zehn Jahre alt. Der Angeklagte hatte die Vorwürfe stets bestritten. Sollte sich ergeben, dass er zu Unrecht im Gefängnis saß, kann er mit einer Entschädigung rechnen. Die Tochter könnte wegen Verjährung ungestraft davonkommen.

Ähnlicher Fall in Osnabrück verhandelt

Vor wenigen Wochen hatte das Landgericht Osnabrück eine Lehrerin zur Zahlung von 80.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt, weil sie einen Kollegen mit Vergewaltigungsvorwürfen unschuldig ins Gefängnis gebracht hatte. Zuvor war die Frau in Darmstadt zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der unschuldig verurteilte Lehrer Horst Arnold war wegen des Vorwurfs, seine Kollegin 2001 vergewaltigt zu haben, verurteilt worden und saß fünf Jahre in Haft. 2011 wurde in einem Wiederaufnahmeverfahren seine Unschuld festgestellt. Mittlerweile ist Arnold verstorben. Das Schmerzensgeld hatte seine Tochter erstritten.