11. Juli 2019 - 12:11 Uhr

Ermittler kannten das Vorstrafenregister nicht

Was ist in seinem Leben alles schief gelaufen? Der 14-jährige Hauptverdächtige der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung in Mülheim hat schon vor der Tat an einem Programm für Intensivtäter teilgenommen. Er war wegen zweifacher sexueller Belästigung und mehrfacher Körperverletzung in dem Präventionsprogramm "Kurve kriegen" des Innenministeriums für NRW. Dort sollte er bis 2019 bleiben. Trotzdem hatte ihn die Polizei nach der Vernehmung zunächst laufen lassen, weil sie sein Vorstrafenregister nicht kannte.

Auskunftssystem in der Kritik

Warum wussten die Ermittler davon nichts? Arnold Plickert war selbst 41 Jahre bei der Polizei. In der RTL Aktuell Sondersendung zum Thema "Wenn Kinder zu Tätern werden" erklärt er: Zum Zeitpunkt seiner früheren Straftaten war der Verdächtige noch nicht 14 und somit strafunmündig. Die Polizei schreibt einen Bericht über den Sachverhalt und leitet ihn an das zuständige Jugendamt weiter. Im Auskunftssystem der Polizei liegen diese Daten aber nicht zum Abruf bereit. "Das sind Kinder, Datenschutz spielt da auch eine Rolle", erklärt Plickert.

Das führte dazu, dass der Verdächtige nach der Tat am Freitag hätte flüchten können. Denn die Polizei nahm ihn erst am Montag wegen Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft - ein Sicherheitsrisiko.

Familien nehmen Hilfe jetzt an

Laut Stadtsprecher Volker Wiebels soll die Familie des Verdächtigen schon 2018 von einer professionellen Organisation betreut worden sein. Auch habe es im Vorjahr einen runden Tisch aller beteiligten Institutionen gegeben. Daran seien unter anderem Jugendamt, Polizei und die Schule des 14-Jährigen beteiligt gewesen.

Das Jugendamt habe mittlerweile Kontakt zu allen Familien der fünf minderjährigen Tatverdächtigen, sagt Wiebels. "Heute haben alle Familien sehr bereitwillig mit uns zusammengearbeitet." Am Montag hatte mindestens eine Familie die angebotene Hilfe noch abgelehnt, wie unser Video zeigt.

Eltern froh über professionelle Hilfe

Das Jugendamt habe sich mittlerweile in den Wohnungen der Familien ein Bild davon gemacht, dass das Kindeswohl der Verdächtigen und ihrer Geschwister nicht gefährdet sei. "Wir werden jetzt individuell für jede Familie Hilfestellungen anbieten." Die Familien sollen "engmaschig" betreut werden. Denkbar seien etwa Beratungsgespräche, psychologische Betreuung oder Familienhilfe zur Alltagsbegleitung.

"Teilweise hat man gemerkt, dass die Erziehungsberechtigten sogar ganz froh waren, dass jetzt professionelle Hilfe kommt", sagte der Stadtsprecher. Er betonte, dass auch eine intensive Betreuung des Opfers und dessen Familie durch die Stadt gewährleistet sei.

Insgesamt drei 14-Jährige und zwei 12-Jährige stehen im Verdacht, am Freitagabend in Mülheim eine junge Frau in einem Waldstück vergewaltigt zu haben. Bei allen handelt es sich nach Polizeiangaben um bulgarische Staatsangehörige.