Ärzte dachten, sie hätte ihr Baby abgetrieben

Vergewaltigt, angeklagt, freigesprochen - das unglaubliche Leid der Imelda Cortez (20)

© Reuters, JOSE CABEZAS, JAC

18. Dezember 2018 - 15:48 Uhr

Imelda Cortez stand wegen versuchten Mordes vor Gericht

Als Imelda Cortez den Gerichtssaal verließ, brach sie in Tränen aus und fiel ihrer Mutter in die Arme. Für die junge Frau ging ein Alptraum zu Ende. Die 20-Jährige aus Usulután in El Salvador war wegen versuchten Mordes angeklagt, obwohl sie unschuldig war.

Stiefvater schwängerte die junge Frau

Imelda Cortez umarmt ihre Mutter
Imelda Cortez umarmte erst einmal ihre Mutter, nachdem sie freigesprochen wurde.
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Imelda war gerade einmal zwölf Jahre alt, als ihr Stiefvater sie das erste Mal sexuell missbrauchte. Über Jahre hinweg vergriff er sich immer wieder an dem Mädchen. Mit 18 wurde Imelda schwanger von dem Vergewaltiger. Sie brachte das Baby auf der Toilette zur Welt. Bis dahin wusste sie nicht einmal, dass sie schwanger war.

Sie kam blutend und mit Schmerzen ins Krankenhaus. Wo ihr 70 Jahre alter Stiefvater sie sogar noch besuchte, um sie einzuschüchtern. Er drohte, ihre Mutter und ihre Geschwister zu töten, wenn sie irgendjemandem von dem Missbrauch erzählte. Eine andere Patientin hörte das Gespräch glücklicherweise mit, sodass die Sache ans Licht kam.

Imelda Cortez wurde im Krankenhaus verhaftet

Imelda Cortez auf der Anklagebank
Imelda Cortez sitzt auf der Anklagebank.
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Und es kam noch schlimmer: Imelda wurde verhaftet, weil die Ärzte vermuteten, dass sie versucht hatte, das Kind abzutreiben. Das kleine Mädchen kam zwar gesund zur Welt, aber die Ärzte zeigten die junge Mutter trotzdem an. Abtreibung ist in El Salvador streng verboten und wird wie Mord bestraft. Selbst wenn das Baby durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde oder wenn das Leben der Mutter durch die Schwangerschaft in Gefahr ist, darf in dem zentralamerikanischen Land keine Abtreibung vorgenommen werden.

Imelda saß 18 Monate lang in Untersuchungshaft, weil die Staatsanwaltschaft überzeugt war, dass sie versucht hatte, ihr Baby zu töten. Obwohl "es keinerlei Beweise dafür gibt, dass Imelda ihr Kind habe töten wollen, entschied der Richter - unter Missachtung der Unschuldsvermutung - auf Eröffnung des Verfahrens", erklärte Amnesty International. Während dieser Zeit durfte sie weder ihr Baby im Arm halten noch bekam sie psychologische Hilfe.

Staatsanwaltschaft hielt Vergewaltigung für eine Lüge

Der Vergewaltiger lief noch monatelang frei herum, weil die Staatsanwaltschaft dachte, Imelda hätte die Vergewaltigungsgeschichte nur erfunden. Erst als ein DNA-Test zweifelsfrei belegte, wer der Vater des Babys ist, wurde der 70-Jährige verhaftet. Ihm soll nun der Prozess gemacht werden.

Imelda hingegen verließ das Gerichtsgebäude als freie Frau. "Imelda Cortez ist frei. Der Richter erklärte sie für unschuldig", freute sich die Menschenrechtsanwältin Paula Avila Guillen bei Twitter. "Aber der Kampf geht weiter für Dutzende Frauen, die in El Salvador im Gefängnis sitzen. Viele davon sind Opfer sexueller Gewalt", twitterte sie.

Sogar Fehlgeburten werden als Abtreibungsversuche gewertet

Immer wieder werden in El Salvador Frauen verhaftet, weil sie abgetrieben haben sollen. Laut Amnesty International sitzen gerade 24 im Gefängnis, weil sie zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Viele erlitten eine Fehlgeburt oder brachten ihr Baby tot zur Welt. Das reichte den Behörden bereits, um sie wegen Mordes vor Gericht zu stellen. Erst im März 2018 kam eine 34-Jährige frei, nachdem sie 15 Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen hatte. Maira Verónica Figueroa Marroquíns Baby starb im Mutterleib und wurde tot geboren.