Debatte wegen Wiedereröffnung von Schulen und Kitas

Welche Rolle spielen Kinder bei der Verbreitung des Coronavirus?

Kitas und Schulen schlagen langsam den Weg in Richtung Normalbetrieb ein. Was bedeutet das für die Ausbreitung des Coronavirus?
© dpa, Felix Kästle, lix bsc

28. Mai 2020 - 11:17 Uhr

Kindergärten und Schulen mussten deutschlandweit schließen

Wegen des Coronavirus mussten Schulen und Kindergärten deutschlandweit schließen - inzwischen planen immer mehr Bundesländer eine Rückkehr zum Normalbetrieb. Doch welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung des Coronavirus? Verbreiten sie das Virus schneller und sind sie ansteckender als Erwachsene? Der aktuelle Kenntnisstand im Überblick.

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Bisher keine eindeutige Aussage möglich

Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen lässt sich keine eindeutige Aussage darüber treffen, ob Kinder die Verbreitung des Coronavirus mehr oder weniger antreiben: "Das Kinderthema ist einfach im Moment ein offener Bereich, wo uns Daten fehlen und wo die wenigen und zum Teil wenig soliden Daten, die vorhanden sind, von unterschiedlichen Wissenschaftlern leicht unterschiedlich interpretiert werden", so Virologe Christian Drosten.

Aktuelle Studienlage erschwert laut Spahn politische Entscheidungen

Das ist besonders für politische Entscheidungen eine schwierige Grundlage, betont Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei der "Augsburger Allgemeinen": "Die Wahrheit ist, dass wir aktuell eine Studienlage haben, die keine echten Schlüsse zulässt, inwieweit Kinder zur Verbreitung des Virus beitragen. Da gibt es sehr unterschiedliche Bewertungen - und das macht es besonders schwer, politische Entscheidungen zu treffen." Spahn wies darauf hin, dass es fast täglich neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Virus gebe. Das zwinge auch die Politik, Einschätzungen zu verändern und Maßnahmen anzupassen. "Besonders schwierig sind die Bereiche Kindergarten und Schule", sagte er.

Schaden die Kontakteinschränkungen der Entwicklung? Wir erklären, welche Folgen das Social Distancing für Kinder hat.

Studie zur Ansteckungsgefahr von Kindern lieferte keine eindeutigen Beweise

Bereits Ende April hatte Drostens Team eine erste Auswertung von Daten zur Virusmenge nach Alter veröffentlicht. Die Wissenschaftler hatten in Proben von 3.712 Infizierten die Menge an Sars-CoV-2-Viren bestimmt und kamen zu dem Ergebnis, dass es zwischen den einzelnen Altersgruppen keine nachweisbaren Unterschiede gab. Bei der Beurteilung der Ansteckungsgefahr für Kinder müssten die gleichen Annahmen wie für Erwachsene zugrunde gelegt werden, so die Forscher.

Allerdings wies Drosten im Podcast vom 30. April bereits auf mögliche Schwächen der Studie hin: "Das ist sicherlich nicht die normale Art von Studie, die man machen würde, um die Frage nach der Übertragung von und durch Kinder zu beantworten." Sie könne nur indirekte Hinweise geben. Untersuchungen zu Übertragungen von und durch Kinder direkt etwa in Schulen oder Kitas seien zu der Zeit wegen der Schließungen gar nicht möglich gewesen. Auch hätte die Zahl einbezogener Kinder noch größer sein können, so der Virologe.

Chinesische Forscher: Kinder nur ein Drittel so anfällig für Infektion wie Erwachsene

Ein Team um die Virologin Isabella Eckerle von der Uni Genf ging einen Schritt weiter als Drosten und seine Kollegen: Die Forscher untersuchten, wie viel tatsächlich infektiöses Virusmaterial in Proben von Neugeborenen, Kindern und Erwachsenen mit Covid-19-Symptomen nachweisbar ist. In einer ersten Veröffentlichung beschreiben sie, dass symptomatische Kinder aller Altersstufen eine vergleichbare Virusmenge wie Erwachsene tragen und sie innerhalb des frühen Stadiums der Krankheit "infektiöses Virus ausstoßen". Die Übertragung des Virus durch Kinder sei deshalb plausibel.

Einen deutlichen Unterschied scheint es jedoch beim Ansteckungsrisiko von Kindern und Erwachsenen zu geben. Wie hoch dieses für verschiedene Altersgruppen ist, haben Forscher in China analysiert. Ihr in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlichter Artikel legt dar, dass Kinder nur ein Drittel so anfällig sind, sich zu infizieren, wie Erwachsene zwischen 15 und 64 Jahren. "Gleichzeitig muss man aber auch sagen: Kinder haben vielleicht in der gleichen Altersgruppe, in der Kita und in der Schule, mindestens dreimal so intensiven Kontakt", ordnete Drosten diese Ergebnisse in seinem Podcast ein.

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