20. Mai 2012 - 10:34 Uhr

Vatikan bekräftigt Bereitschaft zur Zusammenarbeit

In den Fall einer vor 29 Jahren entführten Tochter eines Vatikan-Angestellten kommt Bewegung. Die damals 15-jährige Emanuela Orlandi soll am 22. Juni 1983 entführt und dann ermordet worden sein. In einer ungewöhnlich langen Stellungnahme bekräftigte der Vatikan seine Bereitschaft, mit den Ermittlern bei der Aufklärung zusammenzuarbeiten. Es gebe nichts zu verbergen, betonte Sprecher Federico Lombardi. Er reagierte damit auf Medienberichte, in denen dem Heiligen Stuhl kürzlich vorgehalten worden war, nicht genug getan zu haben, um das Schicksal von Emanuela Orlandi zu klären.

In Zusammenhang mit dem Fall war immer wieder der 1990 erschossene Mafia-Boss Enrico De Pedis genannt worden. Es gibt Gerüchte, das Mädchen sei mit ihm zusammen beigesetzt worden. Der Vatikan hat sich jetzt bereit erklärt, notfalls das Grab des Mafiosos zu öffnen. Bereits 2008 hatte De Pedis' ehemalige Freundin ausgesagt, die Drahtzieher der Entführung säßen "im Vatikan". Sie nannte damals den früheren Leiter der Vatikanbank, Erzbischof Paul Marcinkus, der 2006 gestorben war.

Der Vatikan wies die Anschuldigungen seinerzeit als "infam und unbegründet" zurück. Im vergangenen Jahr behauptete dann Antonio Mancini - ein früheres Mitglied von De Pedis' Magliana-Bande - Emanuela sei gekidnappt worden. Die Vatikanbank sollte nach seinen Worten so gezwungen werden, Geld zurückzugeben, das der Mafiaboss und seine Komplizen bei ihr investiert hätten. De Pedis habe das Geld aber schließlich abgeschrieben. Aus Dankbarkeit darüber, so Mancini weiter, habe der Vatikan die Bestattung des Mafiabosses in der Basilika Sant' Apollinare in Rom erlaubt - obwohl dies über Jahrhunderte nur Kardinälen und anderen hohen Kirchenmännern vorbehalten gewesen war.

Zusammenhang mit Papst-Attentat?

Lange Zeit war auch gemutmaßt worden, die Entführung Emanuelas habe im Zusammenhang mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. zwei Jahre zuvor gestanden. Anonyme Anrufer hatten seinerzeit - angeblich im Namen der rechtsextremen türkischen 'Grauen Wölfe' - im Austausch für das Mädchen die Freilassung des Papst-Attentäters Ali Agca gefordert. Doch Ermittlungen in diese Richtung landeten in einer Sackgasse. Und auch die Aufrufe des Papstes, die 15-Jährige freizulassen, fruchteten nicht.

Vor einigen Wochen hatte Emanuelas Bruder Pietro an einer Demonstration vor der Basilika Sant' Apollinare teilgenommen, um die Öffnung des Grabes zu fordern. Er ist zwar nicht gänzlich überzeugt, dort wirklich Hinweise zu seiner Schwester zu finden. Aber er beharrt darauf, nichts unversucht zu lassen: "Ich bin optimistisch und zuversichtlich, dass wir der Aufklärung einen Schritt näher kommen". Deshalb machen ihm die Worte von Vatinkansprecher Lombardi Mut. "Aus der Sicht der Kirche gibt es kein Hindernis, das Grab zu untersuchen und die Überreste (von De Pedis) anderswo beizusetzen", sagte dieser.

Lombardi machte aber auch deutlich, dass es keinerlei Beweise für den Vorwurf gebe, der Vatikan halte Informationen zu dem Fall zurück. Zuweilen entstehe der Eindruck, diese Anschuldigungen müssten angesichts des Unbehagens und der Frustration, die Wahrheit nicht herausfinden zu können, als Alibi herhalten. Daran war auch Emanuelas Vater zugrunde gegangen. Ercole Orlandi, ein Hofdiener von Papst Johannes Paul II., starb 2004 an einem Herzleiden. "Er ist in der Hoffnung gestorben, dass seine Tochter noch am Leben ist", sagte sein Anwalt damals.