„Lassen Sie mich nicht sterben, Doktor“

Jüdischer Arzt rettet Covid-19-Patient mit Hakenkreuz-Tattoo

Ein Arzt behandelt einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. (Foto: Motivbild)
© dpa, Emilio Morenatti, flm

05. Dezember 2020 - 21:32 Uhr

Patient hatte SS-Tattoos am ganzen Körper

Dr. Taylor Nichols ist ein jüdische Arzt, der im US-Bundesstaat Kalifornien in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeitet. Er war auch im Dienst, als mal wieder ein Covid-19-Patient in die Klinik eingeliefert wurde, der kaum noch Luft bekam, schildert Nichols auf Twitter. "Er sah wirklich krank aus. Unwohl. Ängstlich." Als die Pflegekräfte dem Patienten das T-Shirt auszogen, kamen darunter zahlreiche Nazi-Tattoos auf dem Oberkörper des Kranken zum Vorschein, darunter auch ein riesiges Hakenkreuz auf der Brust. Der jüdische Arzt schildert, wie er bei dem Anblick zum ersten Mal in seiner beruflichen Karriere ins Wanken geriet.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Wie würde der Patient handeln, wenn die Rollen vertauscht wären?

​Nichols berichtet, dass er in seinem Leben schon viele Patienten versorgt hat, von denen er wusste, dass sie rassistisch oder antisemitisch sind. "Ich wurde immer wieder mit solchen Situationen konfrontiert", schreibt er. Normalerweise würde er sich selbst dann immer wieder sagen: "Die sind hierhergekommen, weil sie einen Arzt brauchen, und verdammt noch mal, Taylor, du bist ein Arzt." Damit schaffe er es normalerweise, seine Gefühle im Griff zu behalten und die Patienten professionell zu versorgen.

Das ganze Team, bestehend aus einer schwarzen Krankenschwester und einem asiatischen Beatmungsspezialisten und ihm, habe die Symbole des Hasses auf dem Körper des Patienten gesehen. Als Nichols seine Schutzkleidung anlegte und sich darauf vorbereitete, den Mann mit dem Hakenkreuz auf der Brust zu intubieren, habe er die Zweifel plötzlich nicht mehr wegdrücken können. "Lassen Sie mich nicht sterben, Doktor", flehte der Corona-Patient atemlos. Und Nichols fragte sich, wie der Mann handeln würde, wenn ihre Rollen vertauscht wären. Würde der Patient ihn, den jüdischen Arzt, retten, wenn er in die Situation käme?

„Es war das erste Mal, dass ich mich selber dabei erwischt habe, zu zögern“

In dem Moment sei ihm bewusst geworden, dass der Stress, an vorderster Front gegen die Pandemie zu kämpfen doch etwas mit ihm gemacht hatte. "Es war das erste Mal, dass ich mich selber dabei erwischt habe, zu zögern", schildert der Arzt. "Da habe ich gemerkt, vielleicht geht es mir doch nicht gut."

Er und seine Kollegen hätten in den letzten Monaten eine Menge durchgemacht. Angst und Isolation würden das Leben der im Krankenhaus Arbeitenden bestimmen. Angst, vor der Ansteckung und dass der Schwall an Patienten noch größer werden könnte. Und Isolation, weil er und seine Kollegen sich zurückziehen würden, um das Virus nicht weiter zu verbreiten. Aber auch, weil niemand verstehen könne, wie belastend die Arbeit im Krankenhaus gerade sei.

US-Arzt versorgt einen Corona-Patienten nach dem anderen

Der Arzt schreibt, dass viele unglücklicherweise nicht auf die Wissenschaft und die Bitten der Ärzte hören würden. Statt Zuhause zu bleiben und Masken zu tragen, würden die Leute glauben, die Corona-Pandemie sei nicht echt und Menschen wie ihn als Lügner bezeichnen.

Ihm und seinen Kollegen bleibt trotzdem nichts anderes übrig, als einen Patienten nach dem anderen zu versorgen. Darum sagte Nichols auch dem Mann mit dem Hakenkreuz auf der Brust, dass alle ihr Bestes geben würden, um ihm zu helfen. Das Team habe eingespielt zusammen dafür gesorgt, dass der Mann die bestmögliche Chance bekam, zu überleben.

TVNOW-Dokus: Corona und die Folgen

Das Corona-Virus hält die Welt seit Wochen in Atem. Auf TVNOW finden Sie jetzt spannende Dokumentation zur Entstehung, Verbreitung und den Folgen der Pandemie.

Weitere Videos zum Thema Coronavirus finden Sie hier