US-Studie vermisst das biologische Alter: Schon früh massive Unterschiede

30. Juli 2015 - 19:23 Uhr

Manche altern pro Jahr um drei Jahre

Dass wir unterschiedlich schnell altern, ist oft auf den ersten Blick erkennbar: Während mancher 70-Jährige noch einen Marathon läuft, leiden Altersgenossen unter Hüftproblemen. Erste Unterschiede sind schon früh messbar, wie eine Studie der Duke University zeigt.

Grundlage für die Erhebung ist die sogenannte 'Dunedin-Studie': Im Rahmen dieser fortlaufenden Langzeit-Studie wurden 1.037 Menschen aus der neuseeländischen Stadt Dunedin von ihrer Geburt bis zu ihrem 38. Lebensjahr regelmäßig gesundheitlich und psychologisch untersucht. Die Forscher entwickelten eine Methode, mit der sich Ausmaß und Geschwindigkeit des Alterns bei jungen Erwachsenen messen und vergleichen lassen: Laut Hauptautor Dan Belsky zeigt sich der Prozess des Alterns an den menschlichen Organen früher als bei Augen, Gelenken und Haaren. Folglich prüfte das internationale Forscherteam 18 entsprechende Biomarker, zu denen neben der Nieren- und Lungenfunktion auch Werte der Leber und des Immunsystems gehörten.

Zusätzlich wurden Cholesterin, Herzfitness und die Länge der Telomere gemessen, das sind die Chromosomenenden, die sich im Alter verkürzen. Auch die Zahngesundheit sowie der Zustand der kleinen Blutgefäße hinter dem Auge, die als Indikator für den Zustand der Blutgefäße im Hirn gelten, wurden erfasst. Zusätzlich führten die Experten psychologische Tests sowie einen IQ-Test durch. Resultat: Während einige der 38-Jährigen biologisch gesehen gerade mal 28 Jahre alt waren, brachten es andere schon auf ein Alter von 61! Mit anderen Worten: Die meisten Teilnehmer alterten tatsächlich jedes Jahr um ein biologisches Jahr. Einige aber alterten jedes chronologische Jahr um drei Jahre, während andere gar nicht alterten und jünger blieben als ihr biologisches Alter.

Diejenigen, deren biologisches Alter höher als 38 Jahre war, zeigten einen stärkeren IQ-Rückgang, Zeichen für ein erhöhtes Schlaganfall- und Demenzrisiko und verminderte motorische Fähigkeiten. Sie schnitten schlechter in Gleichgewichts- und Koordinationsübungen sowie in kognitiven Tests ab. Zudem gaben sie selbst öfter an, physiologische Probleme etwa beim Treppensteigen zu haben. Die Spuren des Alterns waren dabei schon mit 26 Jahren nachweisbar, so Gerontologe Belsky. Die medizinisch erhobenen Daten wurden zusätzlich durch die Fremdwahrnehmung der Probanden gestützt: So schätzten Studenten der Duke University anhand von Fotos der 38-Jährigen deren Alter ein. Jene, die biologisch älter waren, wurden auch als älter eingestuft.

Wie sind diese Unterschiede zu erklären?

Interessant sind in diesem Zusammenhang Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung, die vermuten lassen, dass das Altern nur zu 20 Prozent genetisch bedingt ist. Der Rest geht auf Umwelteinflüsse zurück. Eben jene Umwelteinflüsse würden Raum für eine medizinische Beeinflussung des Alterungsprozesses lassen, schreiben die Forscher. "Wenn wir älter werden, wächst unser Risiko für verschiedenen Krankheiten", so Belsky. "Um mehrere Krankheiten gleichzeitig zu verhindern und nicht Blindekuh zu spielen, muss das Altern selbst unser Ziel sein." Insgesamt hoffen die Wissenschaftler also, dass ihr Analyseraster dabei hilft, schon frühzeitig in den Alterungsprozess im Ganzen einzugreifen, anstatt später einzelne altersbedingte Krankheiten isoliert zu behandeln.

Die Erkenntnisse von Belsky und seinen Kollegen sind vor allem vor dem Hintergrund einer alternden Weltbevölkerung relevant. So warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO in diesem Zusammenhang bereits vor den Herausforderungen für die Gesundheitssysteme. Im Jahr 2020 – also schon in knapp fünf Jahren - werde der Anteil derjenigen, die 60 Jahre und älter seien, erstmals über der Anzahl der unter Fünfjährigen liegen. Im Jahr 2050 sei mit zwei Milliarden Älteren zu rechnen, verglichen mit heute 841 Millionen. Für Deutschland prognostiziert das Statistische Bundesamt, dass 2050 fast ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein wird.

Das Geheimnis eines langen, gesunden Lebens, ist übrigens kein Geheimnis, sondern das, was wir alle wissen: nicht rauchen, genug Wasser und wenig Alkohol trinken. Gesund essen, regelmäßig Sport treiben.