Restaurants seien Hotspots

US-Studie bestätigt: Teil-Lockdown war richtig

US-Studie kommt zu dem Schluss: Teil-Lockdown war richtig.
US-Studie kommt zu dem Schluss: Teil-Lockdown war richtig.
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12. November 2020 - 9:57 Uhr

Wo sind die Corona-Hotspots?

Die Frage, wo am häufigsten Superspreading-Events stattfinden und wie man sie unterbinden kann, beschäftigt viele Nationen in der Corona-Pandemie. US-Forscher haben darauf jetzt eine Antwort: Mithilfe von Mobilfunkdaten und eines mathematischen Modells können sie die meist besuchtesten Orte ausfindig machen.

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Teil-Lockdown war richtig

Um herauszufinden, wo sich das Coronavirus überwiegend ausbreitet, welche Rolle dabei soziale Aspekte spielen und welche Maßnahmen die Pandemie wirksam eindämmen können, haben US-Wissenschaftler Mobilfunkdaten von Millionen US-Amerikanern ausgewertet und mit epidemiologischen Modellen kombiniert. Ihre bei "Nature" veröffentlichte Studie bestätigt weitgehend, dass Deutschland in seinem aktuellen Teil-Shutdown die richtigen Maßnahmen ergriffen hat. Sie legt allerdings auch nahe, die Pandemie differenzierter als bisher zu bekämpfen.

Daten von 98 Millionen Mobilfunknutzern

Die Studie ist eine Kooperation der kalifornischen Stanford-Universität, der Northwestern-Universität in Chicago, des Biohub in San Francisco und Microsoft Research. Die Wissenschaftler werteten insgesamt anonymisierte Bewegungsdaten von 98 Millionen Mobilfunknutzern in zehn US-Metropolen aus, die von März bis Mai gesammelt wurden. Sie konnten damit sehr genau ermitteln, wie viele Menschen eine Örtlichkeit pro Stunde besuchten, wie lange sie sich dort durchschnittlich aufhielten und aus welchem Stadtteil sie kamen, berichtet "Nature". In Kombination mit gemeldeten Fallzahlen erstellten die Forscher ein mathematisches Modell, das es nicht nur ermöglicht, die Gesamtzahl von Infektionen, sondern auch die Ansteckungsraten für verschiedene Örtlichkeiten zu schätzen. Mit dieser Big-Data-Methode ergänzten sie konventionelle epidemiologischen Risikoabschätzungen.

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Höchstes Risiko in Restaurants

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"Restaurants waren bei Weitem die riskantesten Orte, fast viermal so riskant wie Fitnessstudios und Cafés, gefolgt von Hotels", sagte Stanford-Informatiker Jure Leskovec laut "New York Times" in einer Pressekonferenz. Dort und in anderen stark besuchten Innenräumen fanden laut Studie etwa acht von zehn Infektionen statt. Hätte man im Frühjahr alle Restaurants ohne Einschränkungen wiedereröffnet, hätte alleine der Großraum Chicago Ende Mai rund 600.000 zusätzliche Covid-19-Infektionen gezählt, so die Wissenschaftler. Auch Kirchen gehören der Studie zufolge zu den Risiko-Orten, dagegen zählt sie weder Theater noch andere Kulturstätten auf. Ob dies daran liegt, dass für diese Orte zu wenig Daten vorliegen oder dort tatsächlich so gut wie keine Infektionen geschehen, geht aus der Studie nicht hervor. Warum ihr Modell Schulen oder Pflegeeinrichtungen nicht berücksichtigt, erklären die Autoren allerdings. Ebenso wie bei Gefängnissen gäbe es schlicht zu wenig auswertbare Mobilfunkdaten.

Ärmere sind mobiler und haben weniger Platz

Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass die sozialen Verhältnisse eine wichtige Rolle spielen. So ergab die Studie, dass Menschen aus Gebieten mit geringerem Durchschnittseinkommen häufiger als Bewohner wohlhabenderer Stadtteile in Berufen arbeiten, die einen Rückzug ins Homeoffice nicht erlauben. Entsprechend blieben sie auch während der Hochzeit der Pandemie mobiler.

Außerdem sind die von sozial schwächeren Schichten besuchten Lokalitäten eher überfüllt als die Orte, an denen sich Menschen mit höherem Einkommen aufhalten. Unter anderem, weil die Räume kleiner sind. Als Beispiel führt die Studie Lebensmittelläden auf, die in ärmeren Vierteln pro Stunde und Quadratfuß 59 Prozent mehr Besucher als in wohlhabenderen Vierteln hatten. Außerdem war die Aufenthaltsdauer um 17 Prozent höher.

Komplett schließen nicht nötig

Aus ihrer Studie schließen die Wissenschaftler, dass man keinen kompletten Lockdown benötigt, um die Pandemie effektiv einzudämmen. Es genüge, sich auf die Superspreading-Orte zu konzentrieren, schreiben sie. Dabei sei es allerdings nicht nötig, Restaurants et cetera vollständig geschlossen zu halten. Bereits eine Beschränkung auf ein Fünftel ihrer Kapazität reiche dem Modell zufolge aus, um beispielsweise in Chicago die Neuinfektionen um 85 Prozent zu senken. Die Örtlichkeiten würden dabei "nur" 42 Prozent ihrer Besucher einbüßen.

Die Verfasser der Studie weisen darauf hin, dass ihr Modell Schwächen hat, unter anderem nicht alle Bevölkerungsgruppen abdeckt oder die Heterogenität von Bevölkerungsgruppen nicht tiefergehend berücksichtigt. Ebenso umfasse es nicht alle weiteren für das Infektionsgeschehen relevanten Aspekte. Ihre grundsätzlichen Aussagen bewerten die Forscher aber als sehr robust, speziell die Ergebnisse zu den sozialen Unterschieden.

Das US-Modell ist nicht einfach auf Deutschland übertragbar, unter anderem ist die Gesellschaftsstruktur teilweise sehr unterschiedlich. Auch Restaurants und andere Örtlichkeiten sind nicht immer vergleichbar und in Deutschland geltende Hygienekonzepte könnten eine Auslastung um mehr als 20 Prozent gestatten. Grundsätzlich dürften aber bei ähnlichen Bedingungen ähnliche Infektionsrisiken bestehen.

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