Es droht Ärger mit der Türkei

US-Präsident Joe Biden stuft Massaker an Armeniern als "Völkermord" ein

Seit Jahrzehnten vermeiden US-Präsidenten, die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord zu bezeichnen.
Seit Jahrzehnten vermeiden US-Präsidenten, die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord zu bezeichnen.
© imago images/MediaPunch, Pool via CNP /MediaPunch via www.imago-images.de, www.imago-images.de

24. April 2021 - 18:40 Uhr

Joe Biden bricht mit jahrzehntelanger Regel

Seit Jahrzehnten vermeiden US-Präsidenten, die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord zu bezeichnen. Der Grund: Rücksichtnahme auf den Nato-Partner Türkei. Joe Biden bricht nun damit. Neue Spannungen mit Ankara sind vorprogrammiert.

Türkei warnte die US-Regierung vor "Völkermord"-Anerkennung

"Das amerikanische Volk ehrt all jene Armenier, die in dem Völkermord, der heute vor 106 Jahren begann, umgekommen sind", hieß es in einer vom Weißen Haus verbreiteten Mitteilung Bidens zum Gedenktag an die Massaker am Samstag. Im Wahlkampf hatte Biden eine Anerkennung der Massaker an den Armeniern als Völkermord versprochen.

Die Regierung in Ankara hatte die US-Regierung vor einem solchen Schritt gewarnt. Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte dem Sender "Habertürk" kürzlich gesagt, sollten die Vereinigten Staaten die Beziehungen zum Nato-Partner Türkei weiter verschlechtern wollen, dann sei das ihre Entscheidung.

„Schweigen ist Mittäterschaft.“

Während des Ersten Weltkriegs waren Armenier systematisch verfolgt und unter anderem auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt worden. Historiker sprechen von Hunderttausenden bis zu 1,5 Millionen Opfern. Die Türkei als Nachfolgerin des Osmanischen Reiches gesteht den Tod von 300.000 bis 500.000 Armeniern während des Ersten Weltkrieges ein und bedauert die Massaker. Eine Einstufung als Völkermord weist sie jedoch strikt zurück.

Die USA fühlten sich verpflichtet, zu verhindern, dass sich ähnliche Gräueltaten jemals wieder ereigneten, erklärte Biden. Überlebende der Verfolgung hätten sich gezwungen gesehen, auf der ganzen Welt eine neue Heimat und ein neues Leben zu finden. Mit "Stärke und Widerstandskraft" habe das armenische Volk überlebt, habe aber niemals die tragische Geschichte vergessen. "Wir ehren ihre Geschichte. Wir sehen diesen Schmerz. Wir bestätigen die Geschichte. Wir tun dies nicht, um Schuld zuzuweisen, sondern um sicherzustellen, dass sich das, was geschehen ist, niemals wiederholt."

Bereits als Präsidentschaftskandidat hatte Biden beim Gedenktag vor einem Jahr vom "Genozid" an den Armeniern gesprochen. Biden betonte damals: "Schweigen ist Mittäterschaft."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Viele US-Präsidenten schwiegen zum schwierigen Thema

Vor wenigen Tagen hatten mehr als 100 Kongressabgeordnete sowohl der Demokraten als auch der Republikaner Biden in einem Brief aufgefordert, "den Völkermord an den Armeniern in Ihrer Erklärung am 24. April klar und direkt anzuerkennen". Sie beklagten, dass US-Präsidenten seit Jahrzehnten schwiegen, während andere Staats- und Regierungschefs "den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" als solchen bezeichnen würden. Nach US-Medienberichten hatte der damalige US-Präsident Ronald Reagan 1981 die Massaker an den Armeniern als Völkermord bezeichnet, aber keiner seiner Nachfolger.

Der Bundestag hatte 2016 Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich auch als solchen bezeichnet. Erdogan zog damals seinen Botschafter aus Berlin ab.