US-Journalistin Melinda Crane: Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander

US-Journalistin Melinda Crane ist Expertin in der Sondersendung 'Amerika wählt'.

05. November 2012 - 16:13 Uhr

Obama hat "mehr bewirkt als manche Wahrnehmen"

Die US-Journalistin Melinda Crane, die auch als Expertin in der gemeinsamen Sondersendung 'Amerika wählt' von RTL und n-tv zu Gast sein wird, hat RTLaktuell.de vor der US-Wahl einige Fragen beantwortet.

Frage: Welche Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen knüpfen Sie an eine Präsidentschaft von Mitt Romney?

Melinda Crane: Mitt Romney wäre sicherlich ein kompetenter Präsident, und in vielen Bereichen würde seine Politik nicht all zu sehr von der Richtung der letzten vier Jahren abweichen. Aus der Erfahrung meines Heimatlandes Massachusetts, wo Romney Gouverneur war, lässt sich feststellen, dass er kein rechter Ideologe ist. Allerdings gibt es einen Punkt, der mir Sorgen bereitet, und das ist die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich. Ohne Steuererhöhungen - vor allem bei den reicheren Amerikanern, die so wenig Steuer zahlen wie noch nie - wird sich die soziale Ungleichheit verschlechtern. Mitt Romney steht jedoch für weitere Steuerreduzierungen. Dies hätte verheerende Konsequenzen für die USA, sowohl moralisch als auch materiell.

Frage: Welche Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen knüpfen Sie an eine zweite Amtszeit von Barack Obama?

Melinda Crane: Ich denke, dass Obama in einer zweiten Amtszeit versuchen würde, die eben erwähnte Schere ein wenig zu schließen. Wichtig dafür ist nicht nur die Steuerpolitik, sondern auch Bildungspolitik, und auf beiden Feldern hat Obama deutlich konkretere und überzeugendere Vorschläge als Mitt Romney. Eventuell würde Obama auch versuchen, Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern wieder voran zu bringen - das ist Tradition bei US Präsidenten in der zweiten Amtszeit!

Frage: Wie fällt Ihre Bilanz der Präsidentschaft Obama aus?

Melinda Crane: Ich finde, dass er mehr bewirkt hat als manche wahrnehmen. Das Rettungsprogramm TARP und die wirtschaftliche Ankurbelung des ersten Jahres haben auf jeden Fall ein noch schlimmeren Einbruch der Wirtschaft verhindert und Jobs gerettet. Die Gesundheitsreform und das Dodd-Frank Gesetz (Wall Street Reform) sind große Leistungen. Enttäuscht bin ich davon, dass er sein Versprechen bezüglich Guantanamo nicht eingehalten hat. Und die Dronenangriffe finde ich auch problematisch. Ich hätte mir außerdem gewünscht, dass Obama pragmatische Lösungen zum Abbau des Haushaltsdefizites und des Schuldenbergs gefunden hätte, aber für die politische Blockade tragen die Republikaner mindestens so viel schuld wie er.

Romneys 'China bashing' ist pure Wahltaktik

Frage: Romney hat im Wahlkampf wiederholt den Führungsanspruch der USA in der Welt betont. Wie realistisch ist das in Bezug auf die wachsende Bedeutung Chinas und angesichts der Tatsache, dass die USA allein bei China (inklusive Thailand und Hong Kong) mit knapp 1.500 Milliarden Dollar verschuldet sind?

Melinda Crane: Nicht sehr realistisch - nicht nur wegen der Schulden an China, sondern auch weil das amerikanische Volk überhaupt keinen Appetit auf weitere Abenteuer in Ausland hat. Es ist kriegsmüde und will die 'tax dollars' lieber zu Hause ausgeben.

Frage: Kann Romney seine versprochene Härte gegenüber China überhaupt durchsetzen?

Melinda Crane: Vermutlich will er das nicht mal. Er ist ein kluger Geschäftsmann und weiß, dass die USA China als Handlungspartner brauchen. Vieles von diesem "China bashing" ist pure Wahltaktik.

Frage: Was bedeutet ein Präsident Romney für Deutschland und die EU?

Melinda Crane: Siehe die ersten zwei Antworten - Romney wäre ein kompetenter Partner, aber wichtig für Deutschland und Europa ist auch ein starkes Amerika, und zur Stärke gehört eine nachhaltige Sozialpolitik und eine Wirtschaft, die auf ein breites Fundament steht. Dazu gehört eine vernünftige Steuerpolitik.

Frage: Mit wem wäre Kanzlerin Merkel wohl eher auf einer Wellenlänge?

Melinda Crane: Sie würde mit beiden gut auskommen, alle drei sind pragmatisch und höchst professionell.