Urteil im Tugce-Prozess: Darum entschied das Gericht auf drei Jahre Haft für Sanel M.

17. Juni 2015 - 8:19 Uhr

So kommt das Strafmaß zustande

Für seinen verhängnisvollen Schlag ins Gesicht der Studentin Tugce muss der Täter Sanel M. drei Jahre in Jugendhaft. Das Urteil des Landgerichts Darmstadt löst bei vielen Menschen Unverständnis, Unmut und auch Zweifel am deutschen Rechtssystem aus. So kommt das Strafmaß zustande.

Tugce-Prozess Urteilsbegründung Sanel M.
Der Angeklagte Sanel M. wurde vom Landgericht Darmstadt zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt.
© dpa, Boris Roessler

Warum fällt die Haftstrafe nicht länger aus?

Das Gericht folgte in seiner Entscheidung in weiten Teilen der Staatsanwaltschaft, die drei Jahre und drei Monate Haft gefordert hatte. Für die Bemessung des Strafmaßes ist aufrichtige Reue ein wichtiger Bestandteil. Sanel M. hatte sich zu Beginn des Prozesses unter Tränen entschuldigt. Nach den Plädoyers bewerte der Angeklagte den Schlag als schlimmsten Fehler seines Lebens. "Er wollte ihr ordentlich eine langen. Ganz sicher, das wollte er. Aber was dann folgte, wollte er sicher nicht", sagte Richter Aßling. Jedoch:"Wer so heftig zuschlägt, der nimmt die Körperverletzung in Kauf."

Aßling kritisierte die "extreme Vorverurteilung", die Sanel M. von Medien und mehreren Politikern erfahren habe. Der 18-Jährige sei weder ein "Killer" noch ein "Koma-Schläger". Von der Vorverurteilungskampagne sei der Täter "in großem Umfang gebrandmarkt", was er auch im Gefängnis spüre.

Gegen Sanel spreche, dass er die Warnschüsse von drei Jugendarresten - der letzte zwei Monate vor der Tat - nicht verstanden habe. "Wir fürchten, wenn er jetzt einfach so wieder in Freiheit kommt, dass er relativ schnell in alte Verhaltensmuster und seinen Freundeskreis zurückfällt, der sich hier nicht unbedingt rühmlich gezeigt hat", so der Vorsitzende Richter weiter. In dem Verfahren waren mehr als 60 Zeugen vernommen worden. Darunter sowohl Freundinnen von Tugce als auch Freunde von Sanel M. Sie sagten oft widersprüchlich aus, es wurde dabei schnell klar, dass sich beide Seiten vor dem Schlag gegenseitig übel beleidigt haben.

Wieso wird seine Tat nach dem Jugendstrafrecht beurteilt, obwohl er doch in der Tatnacht seine wenige Tage zuvor erlangte Volljährigkeit gefeiert hatte?

Für die Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht ist eine jugendtypische Tat oder die verzögerte Reife der Persönlichkeit des Angeklagten die Voraussetzung. Als heranwachsend gilt, wer zur Tatzeit 18 bis 20 Jahre alt war – also auch Sanel M. Anklage, Nebenklage und Verteidigung plädierten auf eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht. Sie sahen bei dem jungen Heranwachsenden eine Reifeverzögerung. Das Gericht folgte dieser Auffassung. Der Vorsitzende Richter Jens Aßling bescheinigte dem jungen Mann "schädliche Neigungen" und "erhebliche Erziehungsdefizite" beim Umgang mit Gewalt.

Im Gefängnis soll Sanel M. daran arbeiten, zukünftig seine Interessen nicht mehr mit Gewalt durchzusetzen. Dabei sollen ihm die Möglichkeiten des Jugendstrafrechts helfen. Hier steht nicht die Bestrafung sondern die Erziehung im Mittelpunkt.