Urteil im NSU-Prozess rückt näher: Bundesanwaltschaft sieht Zschäpe als Mittäterin

25. Juli 2017 - 20:36 Uhr

Plädoyers nach vier Jahren Verhandlung

Im Mai 2013 sind die Verhandlungen in München gestartet, nun kommt endlich Bewegung in den NSU-Prozess. Die Bundesanwaltschaft hat damit begonnen, das Plädoyer zu verlesen. Bundesanwalt Herbert Diemer forderte in seinem Schlussvortrag, die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe als Mittäterin an allen Morden und Anschlägen des 'Nationalsozialistischen Untergrunds' (NSU) zu verurteilen. Als der Richter ihm das Wort erteilte war sogar er übberrascht und musste kurz noch einmal den Saal verlassen, um seine Notizen zu holen.

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft hätten sich alle Anklagevorwürfe gegen Zschäpe und ihre vier Mitangeklagten weitestgehend bestätigt. Diemer bezeichnete die Angeklagte als Mitgründerin und Mitglied einer terroristischen Vereinigung. Nach dem Tod ihrer beiden Freunde soll Zschäpe außerdem die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand gesetzt haben, offenbar um Spuren zu verwischen. Entgegen ihrer Aussagen im Prozess sei die Frau ein gleichberechtigtes Mitglied der Terrorgruppe und arbeitsteilig in die Taten miteingebunden gewesen, meint die Bundesanwaltschaft.

Zschäpe droht lebenslange Haft

"Die Täter, Hoher Senat, waren Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe", sagte Diemer. "Motiv für all diese Verbrechen war rechtsextremistische Ideologie." Das Ziel sei ein "ausländerfreies" Land gewesen, so der Bundesanwalt. Zusammen mit Mundlos und Böhnhardt soll sie neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft getötet haben. Außerdem soll das Trio einen tödlichen Anschlag auf Polizeibeamte, zwei Bombenanschläge in Köln und mehrere schwere Raubüberfälle verübt haben.

Sollte das Oberlandesgericht in seinem Urteil dieser Einschätzung folgen, könnte Zschäpe wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Die Verlesung des ersten Schlussplädoyers soll 22 Stunden dauern - verteilt überer mehrere Verhandlungstage. Danach sind dann noch die Nebenkläger und die Verteidigung dran. Vor der vierwöchigen Sommerpause sind noch vier Prozesstage angesetzt. Dann geht es erst Ende August weiter. Bis ein endgültiges Urteil fällt, dauert es also immer noch.

Sitzung schon wieder unterbrochen

Angeklagter Ralf Wohlleben neben einer Anwältin
Der Angeklagte Ralf Wohlleben hat offenbar Probleme, dem Plädoyer zu folgen.
© imago/Sebastian Widmann, imago stock&people

Nach rund einer Stunde Vortrag von Diemer geriet der Prozess erneut ins Stocken. Der Mitangeklagte Ralf Wohlleben komme beim Mitschreiben nicht hinterher, sagte einer seiner Anwälte. In der ersten Pause habe sich Wohlleben auch nicht erholen können. In der Zelle im Gerichtsgebäude sei die Luft schlecht, es sei warm und es herrsche "Schlachthausatmosphäre". Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ordnete eine ärztliche Untersuchung an. Erst danach konnte es weitergehen.