Urteil: Dreieinhalb Jahre Haft für Todesfahrer von Hamburg-Eppendorf

6. Juni 2012 - 10:59 Uhr

Angeklagter: "Ich bin kein unverbesserlicher Totraser"

Er riss vier Menschen in den Tod, als sein Auto in Hamburg-Eppendorf auf einen Fußgängerweg raste. Mehr als ein Jahr nach dem Horror-Unfall hat das Hamburger Landgericht den 40-jährigen Todesfahrer nun der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung schuldig gesprochen. Das Urteil: Dreieinhalb Jahre Haft.

Der Angeklagte (rechts) neben seinem Anwalt vor dem Landgericht Hamburg.
Prozess um den Horror-Unfall von Hamburg-Eppendorf: Der Angeklagte (rechts) neben seinem Anwalt vor dem Landgericht Hamburg.
© dpa, Christian Charisius

"Sie haben Ihre Erkrankung seit 20 Jahren verdrängt und ihre Ärzte nicht voll informiert", sagte die Vorsitzende Richterin. Der 40-Jährige hätte erkennen müssen, dass mit einem epileptischen Anfall jederzeit zu rechnen war. Er habe die Krankheit aber nicht angenommen. "Sie haben das Unfallauto geführt, obwohl Sie fahruntauglich waren", hieß es weiter in der Urteilsbegründung. Ein gewissenhafter Mensch hätte auf das Autofahren verzichtet, der Unfall sei für den Angeklagten subjektiv vorhersehbar gewesen. Das Leid der Angehörigen sei unermesslich. Neben der Haftstrafe ordnete das Gericht auch die Einziehung der Fahrerlaubnis an.

Vor der Urteilsverkündung hatte sich der 40-Jährige tief betroffen gezeigt. "Jeder Tag und jede Stunde ist eine Last", sagte der 40-Jährige in seinem Schlusswort. Er beschäftige sich täglich mit dem Unfall. "Ich bin kein unverbesserlicher Totraser." Zuvor hatte die Verteidigung in einem Plädoyer Freispruch gefordert.

Der 40-Jährige hatte im März 2011 unmittelbar vor einer großen, mehrspurigen Kreuzung im Stadtteil Eppendorf einen epileptischen Anfall. Mit mindestens Tempo 100 war der Mann über eine rote Ampel gerast und hatte auf der Gegenfahrbahn einen Wagen gerammt. Daraufhin überschlug sich sein Auto mehrfach und wurde in eine Menschengruppe geschleudert. Vier Menschen starben, drei wurden leicht verletzt. Bei den Todesopfern handelte es sich um den Sozialwissenschaftler Günter Amendt, die Künstlerin Angela Kurrer sowie den Schauspieler Dietmar Mues und dessen Ehefrau.

Wanja Mues, der älteste Sohn des getöteten Ehepaares Mues, sagte, das Verfahren sei sehr fair gewesen und habe sich um Gerechtigkeit bemüht. "Das hat uns sehr geholfen." Es sei den Angehörigen niemals um das Strafmaß gegangen: "Das würde nichts rückgängig machen. Wir müssen jetzt anfangen, den Tod unserer Eltern zu verarbeiten."

Der Angeklagte hatte vor Gericht zwar mehrere Krampfanfälle eingeräumt, doch immer bestritten, Epileptiker zu sein - obwohl er nach eigenen Angaben seit 2005 anti-epileptische Medikamente nimmt. Mehrere Zeugen hatten Anfälle geschildert, für die der 40-Jährige immer eine andere Erklärung fand. Nach seiner Darstellung kam der Unfall in Eppendorf für ihn "aus heiterem Himmel". Zwei Gutachter - ein Neurologe und ein Rechtsmediziner - hatten bei dem Mann aber Epilepsie diagnostiziert.

Gericht musste die Schuldfähigkeit des Epilepsiekranken klären

Der tragische Crash warf komplizierte juristische Fragen auf: Bei der Kollision war der Angeklagte wegen seines Anfalls schuldunfähig, dafür konnte ihn die Staatsanwaltschaft also nicht belangen. Die Anklage warf dem Mann jedoch vor, dass er sich trotz seiner Krankheit ans Steuer gesetzt hat. Schließlich hat er bereits zuvor drei Unfälle verursacht, zumindest bei zweien sollen Krampfanfälle eine Rolle gespielt haben.

Auch deshalb war die Staatsanwaltschaft der Ansicht, der 40-Jährige hätte nicht Auto fahren dürfen. Der Grund: Ihm sei das Risiko eines jederzeit möglichen Anfalls bekannt gewesen. Dagegen hatte der Angeklagte Ermittlern gegenüber stets beteuert, dass die Gefahr eines Unfalls für ihn nicht vorhersehbar war.

Seinen Führerschein hatte der Mann allerdings mit richterlicher Billigung: Nach dem dritten Unfall Ende 2008 war er zwar zunächst beschlagnahmt worden, das Landgericht Kiel gab ihn nach einem Widerspruch aber zurück.