Schwerbehinderte Tochter scheitert vor dem Bundessozialgericht

Kein Recht auf Entschädigung, wenn die Mutter in der Schwangerschaft trinkt

Close Up Of Pregnant Woman Drinking Red Wine
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24. September 2020 - 13:18 Uhr

Betroffene forderte Entschädigung vor Gericht

Jahr für Jahr nehmen Tausende schwangere Frauen Alkohol zu sich – und schaden so ihrem ungeborenen Kind erheblich. 10.000 Kinder mit einer sogenannten Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) kommen dem Verband "FASD Deutschland" zufolge jedes Jahr in Deutschland zur Welt. Für die Betroffenen hat das oft ein Leben lang Folgen – zum Teil sehr schwere. Eine Jugendliche aus Sachsen-Anhalt forderte darum Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz vom Staat. Das Bundessozialgericht in Kassel entschied nun allerdings: Ihr steht keine Entschädigung zu.

Alkoholmissbrauch ist keine Straftat - darum auch keine Entschädigung als Kriminalitätsopfer

Das Gericht urteilte am Donnerstag, dass ein Anspruch auf Entschädigung nur besteht, wenn die Mutter durch erheblichen Alkoholkonsum versucht haben sollte, einen Abbruch der Schwangerschaft zu erzwingen. Genereller Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft sei aber keine Straftat. Die Kasseler Richter wiesen damit die Klage der Jugendlichen ab. Sie ist von Geburt an schwerbehindert. Ursache war laut den Vorinstanzen der Alkoholkonsum der Mutter. Die Jugendliche forderte eine Rente nach dem Opferentschädigungsgesetz für Kriminalitätsopfer.

Wie stark kann Alkoholeinfluss ein Ungeborenes schädigen?

Wie gefährlich Alkohol in der Schwangerschaft wirklich sein kann, zeigen auch die Zahlen: Etwa 20 Prozent der durch Alkohol geschädigten Kinder leiden unter dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS), was der höchste Schweregrad der Schädigung ist. FAS zählt zu den häufigsten angeborenen Behinderungen in Deutschland.

Ein Fetales Alkoholsyndrom (FAS) wird ausgelöst, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol trinkt und das Kind in ihrem Bauch damit schädigt. FAS, auch Alkoholembryopathie genannt, äußert sich in körperlichen und geistigen Schäden, Mangelentwicklungen und Fehlbildungen des Kindes. Der Schädel ist bei Betroffenen oft ungewöhnlich klein und das Gehirn entwickelt sich schlechter. Die Nase ist häufig kurz und flach, der Abstand zwischen den Augen breit. Viele Kinder mit FAS wachsen im Mutterleib und nach der Geburt nicht richtig und leiden unter Fehlbildungen von Skelett und Gelenken, Herzfehlern oder Nierenfehlbildungen. Oft leiden FAS-Patienten zusätzlich an ADHS und sind in ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten zurückgeblieben. Es fällt ihnen häufig schwerer, Informationen zu verarbeiten. Dadurch haben sie meist Probleme, ihren Alltag zu bewältigen und zu strukturieren und sich Dinge zu merken.

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