Wie kann das in Deutschland keine Straftat sein?

"Upskirting": Unter den Rock filmen ist wie falsch parken

"Upskirting" ist in Deutschland bislang noch keine Straftat. Wie kann das bitte sein?
© iStockphoto, Oleksii Dubrovskyi

19. Juni 2019 - 16:00 Uhr

"Upskirting" ist bislang noch keine Straftat - bitte was?

Moment mal – wir leben im 21. Jahrhundert, in Deutschland, in einem Land, in dem es 1.681 Bundesgesetze und 2.711 Bundesverordnungen (Stand 2016) gibt. Und das heimliche Fotografieren und Filmen unter den Rock wurde bisher nicht als sexuelle Belästigung bestraft? Schock. Und der Gesetzesentwurf zum "Upskirting" gilt nicht mal bundesweit.

Von Jasmin Bergmann

Es gibt hunderte Gesetze, aber keines dafür

In Deutschland gibt es für gefühlt alles irgendein Gesetz: Laut Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung ist es Wandergruppen zum Beispiel verboten, im Gleichschritt über Brücken zu gehen.

Jährlich werden im Schnitt 150 neue Gesetzte und Verordnungen in Deutschland erlassen. Da frage ich mich doch, wie es sein kann, dass unter den Rock spannen und davon auch noch Aufnahmen zu machen, bisher noch nicht zu den verbotenen Taten gehört? Liegt es daran, dass wir noch immer von überwiegend Männern regiert werden? (Abgesehen von Angela Merkel und anderen namhaften Frauen natürlich.) Und diese es als nicht notwendig erachten? Klar, ihnen kann ja auch – in der Regel – niemand unter den Rock schauen. Oder sie anzüglich in der Bahn begaffen, wenn der Rock beim Sitzen mal etwas hochrutscht.

Heimliches Fotografieren gilt nicht mal als Straftat

Deutschland hatte es insgesamt nicht besonders eilig, sich um das Thema sexuelle Belästigung zu kümmern: Erst seit 2016 steht sexuelle Belästigung als Straftatbestand im Strafgesetzbuch (Paragraph 184i StGB). Somit liegen wir weit hinter anderen Ländern. Und auch beim Thema "Upskirting" hinken wir im internationalen Vergleich hinterher. In England müssen die heimlichen Fotografen beispielsweise mit bis zu zwei Jahren Haft rechnen. Und in Deutschland? Da zählt "Upskirting" noch nicht mal zur Rubrik sexuelle Belästigung.

Warum ist das so? Laut Gesetz ist sexuelle Belästigung in Deutschland mit körperlicher Berührung definiert. Das ist beim "Upskirting" nicht der Fall. Das heimliche Fotografieren ist erst dann eine Straftat, wenn die Aufnahmen an Dritte weitergegeben werden. Oder wenn jemand das Szenario beobachtet und sich dadurch belästigt fühlt. Oder die betroffene Frau gibt eine Anzeige auf. Doch aufgrund der bisherigen Gesetzeslücke bekommt sie nicht mal mit Garantie einen Schadensersatz.

Und was passiert dann? Tja, dann muss der Täter lediglich eine Buße zahlen - wie beim Falschparken. Und wir wissen ja, wie abschreckend eine solche Strafe ist. Nämlich so gut wie gar nicht! Denn mal ehrlich: Wie oft hat Sie ein Knöllchen von der Wiederholungstat abgehalten?

Wie kann das sein?

Und was heißt das jetzt für uns als Gesellschaft? Sind wir erst jetzt für die Denke bereit, dass frau anziehen kann, was sie will? Und dass die Tatsache, dass sie im knappen Kleidchen durch die Straße läuft, das noch lange nicht heißt: Die ist leicht zu haben. Die provoziert es doch, dass ich anzügliche Fotos von ihr mache. Oder ist das nur wieder die übertriebene Denkweise der Feministin in mir? Werden wir Frauen, und vor allem ich, ja gerne mal als zu empfindlich und zu grüblerisch abgestempelt.

Wir Frauen müssen uns so einiges gefallen lassen – auch heute noch

Aber mal ehrlich: Wir Frauen haben auch allen Grund dazu. Denn wir müssen so einige Anmach-Aktionen über uns ergehen lassen, die absolut unter der Gürtellinie sind – bildlich gesprochen. Wurde ich doch letztens von einem Mann dreist von oben bis unten begutachtet, als ich auf meine Straßenbahn wartete. Als sei ich irgend so ein Ausstellungsstück. Es hat nur noch gefehlt, dass er ein Foto von mir macht. Stattdessen gab's nach seinem Allround-Scan ein Augenzwinkern und ein anerkennendes Kopfnicken von ihm. Soll ich mich jetzt etwa darüber freuen? Erwartet er ein "Oh, danke, wie aufmerksam von dir" von mir?

Oder die alte Masche des Hinterherpfeifens oder – noch schlimmer – des Hinterherhupens. Echt jetzt? Liebe Männer, Hand aufs Herz: Habt ihr je schon mal eine Frau erlebt, die sich über ein solches lautstarkes und penetrantes Anbaggern freut? Ich kenne zumindest keine, die mir am Abend stolz davon berichtete, wie ihr beim Shoppen irgendein Kerl hinterherpfiff. Oder "geiler Arsch" statt "Hallo" zurief.

Ist das Problem die Nachweisbarkeit?

Ich denke, ein großes Problem ist: Wie kann ich jemandem nachweisen, dass wirklich ER die Fotos von mir gemacht hat und das auch noch OHNE meine Einwilligung? Das stelle ich mir schwer vor. Und das könnte auch ein möglicher Grund sein, wieso es bis dato noch diese Gesetzeslücke gibt. Eine Entschuldigung ist das aber noch lange nicht. Denn es muss sich schnell etwas ändern, damit Frauen sich besser schützen und verteidigen können. Und eben nicht mehr dieses Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen gibt.