Maas macht mobil

Unterwegs mit dem Außenminister in der kanadischen Arktis

16. August 2019 - 21:02 Uhr

Von Christian Wilp

Die Kraxelei macht Heiko Maas sichtlich Spaß. Ausgerüstet mit Boots und Outdoorjacke, balanciert er über große und kleine Steine, springt über ein Schmelzbächlein und erklimmt eine hüfthohe Eiskante. Schließlich erreicht er eine Anhöhe - und die Fotographen bekommen Stress. Alle wuseln über das Geröllfeld hinterher und versuchen, schnell noch ein Foto vom ausgebüxten Außenminister zu ergattern. Doch die Eile erweist sich als unnötig, Maas lässt sich Zeit, genießt die Pose und guckt staatsmännisch zu allen Seiten. Die Fotos, die er offensichtlich wollte, sind im Kasten.

Dünne Eisdecken - „es besteht Lebensgefahr“

Gletscher in Kanada
Die Gletscher schmelzen, auch in Kanada.

Die Wanderung im hohen Norden Kanadas zu einem der darbenden Gletscher ist das Highlight von Maas' Nordamerika-Reise. Die ganze Woche hat er sich dafür freigeräumt. Zunächst stehen typische Außenministertermine auf dem Programm. In New York etwa spricht er vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen über den Schutz der Zivilbevölkerung in Krisengebieten. In Toronto trifft er seine Amtskollegin und Polit-Freundin Chrystia Freeland. Doch außergewöhnlich und zeitraubend ist vor allem der Abstecher in die Arktis, zu zwei Ortschaften am Rande der Zivilisation.

Thema ist der Klimawandel, und der wird hier nicht in Frage gestellt, was gewiss damit zusammenhängt, dass er nicht theoretisch vermittelt werden muss, sondern zur gelebten Praxis zählt. Im Nunawut-Research-Institute von Iqaluit, der ersten Station, kann Chefin Mary Ellen Thomas darüber anschaulich berichten. Vor 40 Jahren, als sie hierher gezogen war, habe man noch Hunderte von Kilometern übers Eis fahren können, um Verwandte zu besuchen.

Heute sei das Eis futsch, überall schwappe offenes Wasser, die verwandtschaftlichen Beziehungen leiden. Dort, wo sich noch Eis bildet, wird jede Fahrt zur Mutprobe. "Die Eisdecken sind dünn, unberechenbar und tückisch", sagt Torsten Diesel, der wie Maas aus dem Saarland stammt und seit sechs Jahren in Iqaluit forscht, "es besteht Lebensgefahr." In jeder Saison, so Diesel, kämen Einheimische von ihren Ausflügen nicht mehr zurück.

"Die These, dass die Arktis eines Tages eisfrei sein wird, ist plausibel“

Kanada-Reise von Außenminister Heiko Maas
Den Klimawandel kann man sehen und hören.

Zweieinhalb Flugstunden weiter, in Pond Inlet, kann sich Maas vom Aufheizen der Arktis selbst überzeugen. Per Boot geht es zum gegenüberliegenden Sirmilik-Nationalpark auf Bylot Island. Vier Ranger begleiten unsere Gruppe, jeder trägt eine Waffe. "Wegen der Eisbären", heißt es. Wer einen sieht, soll sich melden. Leider schaut keiner vorbei.

Die Reiseempfehlung des Auswärtigen Amtes, "festes Schuhwerk" mitzunehmen, erhält hier ihren tieferen Sinn - und ist leicht untertrieben. "Wasserdichte Wanderstiefel", wäre besser gewesen. Maas hat welche an und stapft munter voran. Ziel ist die Gletscherfront, die sich in den vergangenen 50 Jahren um knapp einen Kilometer zurückgezogen hat.

Es geht über ein typisches Endmoränengebiet, mit allen Unwägbarkeiten und feuchten Überraschungen. Den Klimawandel kann man sehen und hören. Es plätschert und gluckst unentwegt, an der Abbruchkante schießt das Wasser durch den sogenannten Gletschermund in Richtung Meer. "Mehr als beeindruckend", sagt Maas. "Das Eis ist weg, dort sind jetzt Steine."

Markus Rex, Polarforscher aus Potsdam, sagt, dass dieser Gletscher keine Ausnahme bildet. Überall seien die Folgen des Klimawandels zu beobachten, ganz besonders in der Arktis. Hier stiegen die Temperaturen drei Mal so schnell wie im Rest der Welt. Das Eis der Arktis sei bereits um 75 Prozent reduziert. Rex: "Die These, dass die Arktis eines Tages eisfrei sein wird, ist nicht realitätsfern, sondern plausibel."

Maas' Botschaft: „Es ist fünf vor zwölf, wir müssen was dagegen tun“

Arktis in Kanada
„Wenn man hier gewesen ist, kann man nur zurückfahren mit der Botschaft: Es ist fünf vor zwölf, wir müssen was dagegen tun“, sagt Minister Maas.

Manche Leute, wie US-Präsident Donald Trump, freuen sich auf diese Version. Flotte Schiffspassagen, die gigantischen Rohstoffvorkommen und zunehmende Fischereigründe bieten ungeahntes Potential. "Die Leute, die hier wohnen, sind von dieser Perspektive nicht so begeistert", sagt Maas, "von der Ausbeutung der Bodenschätze werden sie nichts haben, und das Ökosystem wird weiter belastet." Außerdem fürchtet er, dass alte Grenzstreitigkeiten zwischen den USA, Kanada und Russland plötzlich an Relevanz gewinnen und zu ernsthaften Konflikten führen könnten.

Deutschland selbst ist weit weg und kann, im Weltmaßstab betrachtet, nur wenig ausrichten. Im Arktis-Rat setzt man sich als ständiger Beobachter für konsensuale Lösungen ein, zudem will die Bundesregierung ihr Engagement verstärken und im Kabinett demnächst Leitlinien einer deutschen Arktis-Politik vorlegen. Maas sagt dazu im Gespräch mit RTL.de: "Wenn man hier gewesen ist, kann man nur zurückfahren mit der Botschaft: Es ist fünf vor zwölf, wir müssen was dagegen tun."

Jugendliche: „Wir allein können ohnehin nichts unternehmen“

Teich
Die Alten sind ganz sicher: "Früher war das Wasser kälter."

Ob die Einwohner von Pond Inlet von den deutschen Leitlinien profitieren oder auch nur hören werden, darf bezweifelt werden. Kurzfristig freuen sie sich über ein Barbecue aus Anlass des exotischen Besuchs. Einheimische und Eingeflogene sollen sich näher kommen - und alle haben etwas mitgebracht. Die Deutschen Bratwurst, Spekulatius und Gummibärchen. Die Inuit servieren lokale Spezialitäten, Waal- und Seehundfleisch.

Das Wetter spielt mit. Viel Sonne, wenig Wind, zwölf Grad im Schatten. Die Dorfjugend planscht in einem, wir haben es gecheckt, saukalten Bach. "Früher war's kälter", sagen die Alten. Im Winter minus 40 Grad, im Sommer nur ausnahmsweise deutlich über Null. "Ich liebe es", sagt hingegen eine 17-Jährige, "endlich ist es warm." Allerdings ist ihr das dauerhaft milde Wetter auch nicht geheuer. "Wir allein können ohnehin nichts unternehmen", sagt sie. "Wenn, dann muss es die ganze Welt tun."