Kommentar zur Ferrari-Stallorder

Unsportlich, unrühmlich!

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21. April 2019 - 13:08 Uhr

Von Martin Armbruster

Wäre Charles Leclerc nicht so jung, so wohlerzogen und so dankbar, seit Saisonbeginn für Ferrari fahren zu dürfen, würde der junge Monegasse vielleicht einen Aufstand wagen. Und zwar gegen seinen Arbeitgeber. Denn seien wir mal ehrlich: Wer wäre nicht im Revolutions-Modus, wenn er drei tadellose Rennen fährt, unverschuldet 17 Punkte zu wenig auf dem Konto hat - und dann in China auch noch kampflos den Stallkollegen ziehen lassen muss?!

Ferrari versaute Leclerc das Rennen

Ferraris Team-Order in Shanghai war eine durch und durch unsportliche und unrühmliche Aktion. Unsportlich, weil ein solch gekünsteltes Manöver den Geist der Formel 1 verhöhnt. Unrühmlich, weil die Scuderia-Strategen Leclerc das Rennen verhunzten.

Warum eigentlich? Vettel war doch nie in einer Position, Leclerc anzugreifen. Er konnte sich auch nicht absetzen, als die Plätze einmal getauscht waren. Im Gegenteil: Der viermalige Weltmeister verbremste sich trotz freier Fahrt ein ums andere Mal, Leclerc wäre fast wieder durchgerutscht. Ohne die rote Rochade hätte Leclerc beim 1.000. Grand Prix der Formel-1-Geschichte vom Podium gegrüßt.

Leclerc konnte nicht mal mehr Verstappen angreifen

Leclerc aber verlor in China nicht nur Platz 3. Weil er nicht mehr Ferraris erstes Cavallino auf dem Shanghai International Circuit war, hatte er auch in puncto Rennstrategie nix mehr zu lachen. Ihrer Nummer-1-Logik entsprechend, beorderte die Scuderia zuerst den drittplatzierten Vettel zum Reifenservice, nachdem Red-Bull-Pilot Max Verstappen Ferrari mit einem frühen Stopp unter Druck gesetzt hatte. Leclerc blieb stattdessen von den Top-Piloten am längsten draußen und verlor gegen die frisch bereifte Konkurrenz so viel Zeit, dass er nach seiner ersten Garagen-Visite weit hinter Verstappen zurückfiel. Und zwar so weit, dass er den Holländer gegen Rennende nicht mal mehr einholen, geschweige denn attackieren konnte.

Im dritten Rennen zum dritten Mal Punktverlust

Unterm Strich also nur 10 statt 15 (oder wenigstens 12) Punkte für den 21-Jährigen. Im dritten Saisonrennen verhinderte – wenn man es ganz zugespitzt ausdrückt - zum dritten Mal Ferrari, dass Leclerc die maximale Punkteausbeute abgreift. Schon in Australien hatte er Vettel auf Geheiß der Box nicht attackieren dürfen, wurde nur Fünfter (10 Punkte), statt Vierter (12). In Bahrain ließ ein defekter Zylinder Leclercs Traum vom ersten GP-Sieg platzen. Nur Platz 3 (15+1 für die Schnellste Rennrunde) statt 1 (25+1). Und jetzt die China-Stallorder.

Ferraris Rangordnung könnte zum Bumerang werden

Macht in der Fahrer-WM eben 17 Punkte zu wenig für Leclerc - nur 36 statt der möglichen 53. Ohne, dass der Monegasse etwas dazu kann. Ferrari hat entschieden. Vettel ist die Nummer 1. Warum? Weil er länger dabei ist. Die Leistungen auf der Strecke geben den Status nicht her. Wie Ferrari dazu kommt, einem solch starken Fahrer wie Leclerc einfach Punkte wegzunehmen, wissen nur die Signori in Maranello. Die Festlegung auf Leclerc als Nummer 2 könnte sich bitter rächen, sollte der Youngster im Saisonverlauf Ferraris heißes WM-Eisen sein. Irgendwann werden die Punkte fehlen.

Stallorder gehört eingemottet

Und was ist mit dem kurz schon angesprochenen Geist der Formel 1? Von dem war beim groß inszenierten Jubiläums-Grand-Prix im Reich der Mitte nicht viel zu spüren. Nachdem die F1-Macher die Motorsport-Fans wochenlang mit Gänsehaut-Clips zu legendären Rad-an-Rad-Duellen (auch zwischen Teamkollegen!) versorgt hatten, bekamen die Zuschauer beim China-GP Ferraris Stallregie vorgesetzt.

Nicht mit Spektakel, nicht mit einem Ferrari-Duell viermaliger Champion gegen Emporkömmling wird man das 1.000. Rennen der Formel-1-Geschichte verbinden. Sondern mit dem Satz "Let Sebastian by" (lass Sebastian vorbei) – dem Befehl zum kampflosen Überholen, einem Aufruf zum Unsport. Man kann nur hoffen, dass die Regelwächter diese beknackte Stallorder wieder verbieten.