Erschreckende Studie von UNICEF

Jeder 2. Deutsche findet: Klaps auf den Po bei Kindern ist okay

43 % der Deutschen finden einen Klaps auf den Po bei Kindern okay. Foto: picture alliance / Nicolas Armer/dpa/Archivbild
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20. November 2020 - 9:19 Uhr

Klaps auf den Po für 43 Prozent kein Problem

Knapp jeder zweite Deutsche findet: Körperliche Gewalt gegen Kinder ist angebracht. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommt jetzt eine repräsentative Studie des Uniklinikums Ulm im Auftrag des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) und Unicef mit 2.500 Teilnehmern. Demnach finden 43 der Befragten einen "Klaps auf den Hintern" für die Erziehung okay – bei einer leichten Ohrfeige sind es noch 17,6 Prozent. Woran liegt das?

7 Prozent finden: Tracht Prügel schadet nicht

Immerhin: Seit der Jahrtausendwende ist die Zustimmung zu Gewaltanwendung bei Kindern stark gesunken. 2001 lag der Anteil der Menschen, die eine leichte Ohrfeige als angemessenes Mittel ansahen oder ihr Kind so geschlagen haben, noch bei 59 Prozent. Doch inzwischen sei ein Plateau erreicht, erklärt Jörg M. Fegert, Direktor der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie der Uniklinikum Ul. Noch immer finden mehr als sieben Prozent der Befragten, eine Tracht Prügel "habe noch keinem Kind geschadet".

Zustimmung zu Gewalt bei Männer und Älteren größer

Von Männern werden sogenannte Körperstrafen eher befürwortet als von Frauen. Während 83 Prozent der befragten Frauen eine Ohrfeige ablehnen, tun dies nur 70 Prozent der Männer. Beim "Klaps auf den Hintern" ist die Ablehnung bei Männern (42 Prozent) ebenfalls geringer als bei Frauen (52 Prozent). "Wir müssen Männer und Jungen in der Aufklärung über Gewalt noch besser erreichen", so Fegert.

Auch das Alter ist ein Faktor. Befragte über 60 Jahren hielten zu 65 Prozent den "Klaps auf den Hintern" für angemessen, Befragte unter 31 Jahren stimmten dem nur zu 45 Prozent zu.Die Ergebnisse zeigten, dass etwa bei Großeltern die Zustimmung zu Gewalt in der Erziehung hoch sei. Die niedrigste Zustimmung bei jungen Menschen mache laut Fegert jedoch Hoffnung beim Blick in die Zukunft.

Gewalterfahrung in eigener Kindheit prägend

Wer selbst Gewalt in der Kindheit erlebt hat, hält laut der Studie zudem Körperstrafen für eher angemessen. Demnach lehnten 86 Prozent der Befragten ohne derartige Erlebnisse den "Klaps auf den Hintern" ab – bei Befragten mit Gewalterlebnissen waren es nur 28 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Blick auf erlebte emotionale Gewalt in der Kindheit. Wer emotionale Gewalt erlebt hat, stimmt Strafen wie dem Schlag auf den Po eher zu (62 Prozent) als solche ohne derartige Erfahrungen (49 Prozent).

Corona bringt Kinder in Gefahr

Auch wenn die Zustimmung zu Gewalt gegen Kinder abnimmt, könnte die Corona-Pandemie aus Sicht der Experten zu einer Umkehr der Entwicklung führen. So haben die Anrufe von Kindern bei der Nummer gegen Kummer zuletzt deutlich zugenommen, wie DKSB-Vizepräsidentin Ekin Deligöz berichtete.

Auch Fegert sieht den Rückzug ins Private als Gefahr. Ohne den Austausch mit anderen Kindern und Jugendlichen in der Schule würde Gewalt gegen Kinder seltener bemerkt. Zudem wies er auf eine Schere zwischen Arm und Reich hin. Manche hätten die zusätzliche Zeit mit ihren Kindern durchaus genossen. Wo Eltern und Kindern jedoch in einer kleinen Wohnung aufeinander sitzen, werde Gewalt wahrscheinlicher. Welche Auswirkungen die Pandemie genau habe, sei jedoch unklar. "Wir wissen dazu noch zu wenig", sagte Deligöz.

Kinder und Jugendliche,die sich von familiärer oder sexueller Gewalt bedroht fühlen, können auf www.kein-kind-alleine-lassen.de direkte Hilfe per Chat suchen oder sich an die zugehörige anonyme Telefon-Hotline (0800-2255530) wenden.


Quelle: DPA/RTL