Unicef-Studie deckt auf: Flüchtlingskinder in Deutschland massiv benachteiligt

9. September 2014 - 19:30 Uhr

"Kindeswohl steht nicht an erster Stelle"

Wenig Privatsphäre, ein Leben unter Fremden und in Isolation: Flüchtlingskinder werden in Deutschland laut einer aktuellen Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef häufig benachteiligt und ihre Belange völlig außer Acht gelassen. "Bei Flüchtlingskindern steht das Kindeswohl nicht an erster Stelle", sagt Thomas Berthold vom Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Autor der Studie.

Flüchtlingskinder in Deutschland
Flüchtlingskinder in Deutschland haben laut Unicef mit vielen Problemen zu kämpfen.
© dpa, Fredrik Von Erichsen

"Im Bereich des Asyl- und Aufenthaltsrechts haben wir immer wieder festgestellt, dass Kinder sehr wenig gehört werden." Mehr noch: Auch der Arztbesuch stellt für Flüchtlingskinder ein Problem dar. Für jede Untersuchung brauchen sie eine gesonderte Genehmigung. Kinder würden oft nur als Anhang ihrer Eltern betrachtet und sehen sich daher in vielen Belangen einer massiven Benachteiligung ausgesetzt.

Häufig fungieren sie für ihre Familien zudem als Dolmetscher bei Behörden - eine Rolle, die sie oft überfordere. Allein wegen ihrer Vorgeschichte seien die Flüchtlingskinder meist schon stark eingeschüchtert. Dazu könnten sie gewöhnlichen Hobbys selten nachgehen, weil sie in oft isolierten Gemeinschaftsunterkünften lebten. Privatsphäre haben sie laut der Studie dort ebenfalls kaum, da sie meist auf engstem Raum mit lauter Fremden zusammenleben. Das sei vor allem für Jugendliche in der Pubertät schwierig, wenn diese eigentlich unabhängiger werden wollen.

Rund 65.000 Flüchtlingskinder in Deutschland

Etwa 36.300 Flüchtlingskinder - das sind 90 bis 95 Prozent aller Flüchtlinge unter 18 Jahren - kamen im vergangenen Jahr in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland. Die Situation habe sich seit Fertigstellung der Studie noch verschlechtert, sagte Unicef-Vorstandsmitglied Anne Lütkes. Die Zahl der Flüchtlinge und damit der Asylanträge sei angesichts der vielen Konflikte immens gestiegen. Ein Drittel aller nach Deutschland einreisenden Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche.

Die Unicef-Studie mit dem Titel 'In erster Linie Kinder - Flüchtlingskinder in Deutschland' wurde die Lage von Flüchtlingskindern, die zusammen mit ihren Eltern in Deutschland Zuflucht suchen, beleuchtet und Missstände aufgedeckt. Dafür wurden 30 Experten und Betroffene in langen, persönlichen Interviews befragt. Insgesamt leben in Deutschland nach Schätzungen von Unicef rund 65.000 Kinder und Jugendliche, die entweder geduldet werden oder einen Asylantrag gestellt haben.