"Einige Menschen fielen aus Angst in Ohnmacht"

Badespaß endet in Horrortrip: Familie im Irak entgeht Luftschlag um Haaresbreite

29. Juni 2020 - 9:12 Uhr

Plötzlich erfüllt ein Rauschen die Luft

Es sollte ein schöner Nachmittag am Teich werden für Zharo Bakhtyar und seine Familie. Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen wollte er der Sommerhitze im Irak entfliehen und sich nahe der iranischen Grenze abkühlen. Doch der Badespaß wurde zum Horrortrip.

Leute schreien und rennen

Als Bakhtyars Schwägerin anfängt zu filmen, ist es noch idyllisch in der Provinz Sulaimani, die in der autonomen Region Kurdistan liegt. Es ist ein heißer Junitag, in der Gegend herrschen derzeit Temperaturen über 40 Grad. Bakhtyar, sein Sohn und andere Kinder spielen mit ihren Eltern in einem flachen Teich. Viele Iraker treffen sich hier, um jenseits der Großstadt zu entspannen. Das Wasser ist flach und auch für kleine Kinder geeignet. Es ist Musik zu hören, Kinder lachen, die Stimmung ist entspannt.

"Wir saßen an einem Bungalow und aßen etwas und waren sehr glücklich, weil wir weit weg waren von der Stadt und all dem Stress, den das Coronavirus in der letzten Zeit mit sich gebracht hatte", teilte Bakhtyar der Seite "Rudaw.net" mit. Plötzlich erfüllt ein Rauschen die Luft. Es dauert nur Sekunden, dann spritzt plötzlich Wasser.

Leute schreien und rennen, kurz darauf endet das Video abrupt. Hinterher erfährt die Familie, dass nur rund 20 Meter vom Teich entfernt ein Luftangriff auf einen Pickup stattgefunden hat, dessen Trümmer auf Bakhtyar und seine Familie einprasselten.

Kommt ein weiterer Einschlag?

Die Türkei und der Iran führen in der Region sowohl gegen die kurdische Arbeiterpartei (PKK) als auch gegen die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK) an ihren Grenzen zum Irak durch. Laut "Rudaw" wurde bei der Operation einer ihrer Kämpfer getötet und drei weitere verletzt. 
"Die Männer waren verwirrt und wussten nicht, was sie tun sollten. Frauen und Kinder weinten. Einige Menschen waren aus Angst in Ohnmacht gefallen", beschreibt Bakhtyar das Schreckens-Szenario kurz nach dem Angriff am Teich.

Die Menschen seien nicht sicher gewesen, ob es sicherer sei, zu den Autos zu laufen oder an Ort und Stelle zu bleiben, da jederzeit eine weitere Rakete hätte folgen können.

„Mein Sohn hat bis spät in die Nacht geweint“

HANDOUT - 19.06.2020, Türkei, ---: Hulusi Akar (2.v.r), Verteidigungsminister der Türkei, besucht mit Mundschutz türkischen Truppen an der Grenze zum Irak in der Provinz Hakkari. Die Operation der türkischen Armee wird fortgesetzt, nachdem am Mittwoc
Verteidigungsminister Hulusi Akar (2.v.r.) beim Besuch türkischer Truppen an der Grenze zum Irak in der Provinz Hakkari. (Symbolfoto vom 19. Juni 2020)
© dpa, -, BO hen lop

Bakhtyar und seine Familie seien gelaufen, um sich unter den Holzbungalows zu verstecken, dem einzigen verfügbaren Unterschlupf in der Nähe, aber bald darauf hätten sie gesehen, dass die Bäume neben der Straße durch den Luftangriff Feuer gefangen hatten. "Es war wirklich grauenhaft - es gab Wasser vor uns und Feuer hinter uns", sagt Bakhtyar. Keines seiner Familienmitglieder wurde verletzt, aber die Erfahrung, einen Luftangriff aus nächster Nähe erleben zu müssen, sei eine schwere Belastung für die Psyche. Seine Frau sei sehr besorgt und verängstigt. "Mein Sohn hat bis spät in die Nacht geweint", so Bakhtyar.

In einer am Freitag veröffentlichten Erklärung bestritt das türkische Verteidigungsministerium, dass sein Militär jemals Zivilisten geschadet habe, und sagte, es ziele nur auf "Terroristen" ab. "Wie bereits zuvor wurde bei dieser Operation kein Zivilist verletzt", heißt es auf der Homepage des türkischen Verteidigungsministeriums.