Ein Ermittler erklärt den Unfall

Wie kam es zu dem SUV-Horror-Crash?

© RTL

16. September 2019 - 22:52 Uhr

Das Auto war bis zu 90 km/h schnell – schon bei 36 km/h ist ein Unfall tödlich

Der schwere SUV-Unfall in Berlin am Freitag, bei dem vier Menschen starben, wirft noch immer Fragen auf. Wir haben mit einem Polizisten gesprochen, der uns den Unfall aus Ermittler-Sicht erklärt. 

Er ist seit vielen Jahren Polizist, hat bereits einige Unfälle untersucht. Da er sich nicht zu laufenden Ermittlungen äußern darf, will er unerkannt bleiben. Wir haben mit ihm das Video des Unfalls geschaut.

Wie schnell war das Fahrzeug unterwegs?

"Man hört hier einen sehr lauten Motor, das heißt, der Fahrer muss das Gaspedal voll durchgetreten haben. Von dem Moment an,  wo das Fahrzeug ins Bild kommt, bis zum Unfalleinschlag sind es in etwa 50 Meter. Auf dem Video sieht man den Wagen ungefähr 2 Sekunden, bis es sich überschlägt. Das entspricht einer geschätzten Geschwindigkeit von 70 bis 90 km/h."

Kann man erkennen, was die Unfall-Ursache war?

"Nur aus dem Video kann man noch keine Rückschlüsse auf die Gründe für den Unfall ziehen. Man kann sehen, dass das Bremslicht an ist - das obere Licht: Ich hab das im Laufe meiner dienstlichen Tätigkeit einmal gesehen, dass ein Beifahrer versucht hat, die Handbremse zu ziehen.

So könnte man plausibel erklären, warum es keine Verlangsamung gibt: Der Druck aufs Gaspedal ist deutlich stärker, als die Kraft, die auf die Handbremse ausgeübt wird. Das könnte erklären, warum die Bremslichter leuchten, aber keine Bremswirkung erzielt wird und warum es auch keine Bremsspuren gibt. Mit dem Anti-Blockier-System hat das überhaupt nichts zu tun."

Ist ein SUV in einem solchen Unfall gefährlicher als ein kleines Auto?

Der zerstörte SUV wird abtransportiert. Am Freitag waren vier Menschen bei dem Unfall gestorben.
Der zerstörte SUV wird abtransportiert. Am Freitag waren vier Menschen bei dem Unfall gestorben.
© dpa, Paul Zinken, pdz tba wst fdt

"Man sieht, dass vier Personen komplett mitgerissen werden. Bei einem kleineren Fahrzeug wäre das wahrscheinlich so nicht passiert. Der SUV ist höher gebaut, Menschen haben keine Chance auszuweichen. Vor allem Kinder haben in so einer Unfallkonstellation mit einem SUV praktisch keine Überlebenschance.

Ich habe schon viele Verkehrsunfälle mit schweren Personenschäden und auch Getöteten gesehen, aber das geht durch Mark und Bein. Das sind schockierende Bilder."

Kann man diese Fahrzeuge sicherer machen?

"Es gibt mittlerweile auch Personenairbags für außen – mit solchen Airbags würde man die Überlebenschancen von Fußgängern erhöhen. Aber die Leute lassen meist nur Dinge einbauen, die zu ihrem eigenen Schutz beitragen – hier sollten Politik, Wirtschaft und die Bevölkerung ein neues Bewusstsein entwickeln."

Es gibt die Theorie, ein medizinischer Notfall könnte der Auslöser gewesen sein...

 Blumen und Kerzen liegen an der Kreuzung, an der vier Menschen bei einem Verkehrsunfall gestorben sind. Ein Auto war an der Ecke Invalidenstraße und Ackerstraße auf einen Gehweg gefahren, auf dem Passanten unterwegs waren.
Blumen und Kerzen liegen an der Kreuzung, an der vier Menschen bei einem Verkehrsunfall gestorben sind.
© dpa, Paul Zinken, pdz fdt

"Nach den Bildern, die ich gesehen habe, halte ich einen medizinischen Notfall für nicht ausgeschlossen, aber selbst wenn sich die Theorie mit der Epilepsie erhärtet, darf man nicht aufhören, auch in andere Richtungen zu ermitteln. Es ist auch möglich, dass der Fahrer absichtlich Gas gegeben hat. Einen technischen Defekt halte ich für sehr unwahrscheinlich."