Frauen öfter betroffen als Männer

Umsonst gelernt und studiert? Millionen Beschäftigte sind überqualifiziert

Rund jeder achte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland hat einen Job unterhalb seines eigentlichen Ausbildungsniveaus.
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12. Oktober 2020 - 10:46 Uhr

Schulabschluss, Ausbildung und dann?

Erst den Schulabschluss, dann Ausbildung oder Studium. Viel Zeit, Energie und womöglich auch Geld investiert, um mit einer guten Berufsausbildung die Arbeitswelt zu erobern. Und zwar genau in dem Job, den man erlernt hat, von dem man seit Kindertagen geträumt hat. Sollte doch eigentlich keine Problem sein, sondern eher der Normalfall.

Vier Millionen Beschäftigte sind überqualifiziert

Wirft man jedoch einen Blick auf die Zahlen, offenbart sich, dass es eher nicht der Normalfall ist. Aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit auf eine Anfrage der Linken im Bundestag geht hervor: Rund jeder achte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland hat einen Job unterhalb seines eigentlichen Ausbildungsniveaus. Insgesamt übten Ende vergangenen Jahres 4,05 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte eine Tätigkeit aus, deren Anforderungsniveau unterhalb ihrer Qualifikation lag. Das entspricht 12 Prozent der 33,74 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Bei den Minijobbern war sogar jeder Fünfte formal überqualifiziert: 911.000 von ihnen arbeiteten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus.

Frauen wesentlich häufiger betroffen als Männer

Gezählt wurden hierbei Menschen, die einen Berufsabschluss hatten, aber nur eine Helfertätigkeit ausübten, also einfache Routinearbeiten. Das waren Ende 2019 rund 2,57 Millionen Menschen. Dazu kamen 1,48 Millionen mit akademischem Abschluss, die als Helfer oder Fachkraft arbeiteten, die also für ihre Arbeit formal ihren Fachhochschul- oder Hochschulabschluss nicht gebraucht hätten.

Überproportional betroffen sind Frauen und Menschen in Ostdeutschland. Bei ihnen liegen die Anteile von Arbeitnehmern mit höherer formaler Qualifikation als nötig im Vergleich jeweils über denen der Männer beziehungsweise der Menschen in Westdeutschland.

Anderseits gehen genauso viele Beschäftigte einer Arbeit nach, für die ihre formale Qualifikation eigentlich gar nicht reicht. 2,87 Millionen Menschen ohne Berufsabschluss waren Ende vergangenen Jahres als Fachkraft, Experte oder Spezialist beschäftigt. Dazu kommen 1,14 Millionen, die einen nichtakademischen Abschluss haben, aber für ihre Tätigkeit üblicherweise einen Uniabschluss bräuchten.

Erheblich weniger Lohn

Die Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, richtete ihren Blick auf jene, die unter ihrer formalen Qualifikation arbeiten: "Arbeiten unter Qualifikation schadet der Arbeitszufriedenheit der Betroffenen und schmälert ihr Einkommen", sagte sie. Tatsächlich liegt das Durchschnittsentgelt von Fachkräften nach den Daten der Bundesagentur für Arbeit 806 Euro höher als das Durchschnittsentgelt der Helfer.

Die Politikerin forderte, Sanktionen gegen Erwerbslose abzuschaffen und sie besser bei der Suche nach qualifikationsgerechter Arbeit zu unterstützen. Minijobs müssten in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt werden.