Ukraine ist geeinter als wir glauben: Wer prorussisch ist, muss nicht für die Abspaltung sein

25. Mai 2014 - 21:11 Uhr

Wer prorussisch ist, muss nicht für die Abspaltung sein

Sei Monaten schwelt der Konflikt im Osten der Ukraine nun - viele Menschen haben ihr Leben dabei verloren. Die westliche Politik agiert teils ratlos, teils hektisch, Russlands Präsident Wladimir Putin lässt sich nicht in die Karten schauen, trägt aber auch nichts zur Deeskalation bei. Dabei ist die Ukraine gar nicht so gespalten, wie es uns die Kämpfe in Donezk, Slowjansk und zuletzt sogar in Odessa erscheinen lassen.

Ukraine-Konflikt Russland
In Mariupol sind bei neuen Zusammenstößen offenbar acht Menschen getötet worden.
© REUTERS, MARKO DJURICA

Die ukrainische Gesellschaft ist wesentlich geeinter als wir glauben. Wie das Pew Research Center in den USA bekanntgab, sprachen sich 77 Prozent der befragten Ukrainer für eine Einheit des Landes aus.

Im Westen der Ukraine unterstützen den Angaben zufolge 93 Prozent die Einheit, im Osten waren es 70 Prozent. Die Umfrage wurde Ende April durchgeführt - nach der Annexion der Krim durch Russland, aber noch vor den jüngsten Ausschreitungen in Odessa und anderen Städten im Osten des Landes. Die meisten Ukrainer stehen der Übergangsregierung in Kiew der Umfrage zufolge kritisch gegenüber. Lediglich 41 Prozent der Ukrainer (die Krim ausgenommen) meinten, dass die Zentralregierung eine positive Wirkung auf die Entwicklung des Landes habe.

Diese Zahlen sind wichtig, um das Gebaren Putins besser verstehen zu können. Putin ist nicht an einer Besetzung des Ostens interessiert, weil dort die Bevölkerung Russland gegenüber wesentlich kritischer ist. Deshalb taktiert er, zögert, versucht der Kiewer Zentralregierung das Leben weiterhin schwer zu machen. Eine instabile Ukraine mit wenig Zentralgewalt scheint nach Putins Lesart die beste Möglichkeit zu sein, eine weitere Westanbindung des Nachbarn zu verhindern.

Tote bei neuen Kämpfen in Mariupol

Und Menschen, die 'prorussisch' sind, sind noch lange nicht für einen Anschluss an Russland. Diese Bürger berufen sich lediglich auf gemeinsame Traditionen, Kultur, sowie die russische Sprache und den russisch-orthodoxen Glauben.

Die große Mehrheit betont, dass ihnen der Erhalt ihrer Identität wichtig sei. Es gehe hier um Geschichte - und nicht um Putin, der nur eine Zeiterscheinung sei, wie oft zu hören ist.

Wer in der Region mit den Menschen auf der Straße spricht, hört auch, dass sich hier alles um slawische Wurzeln und die Zugehörigkeit zur 'Russischen Welt' drehe. Westliche Werte oder ein proeuropäischer Kurs mit späterer EU-Mitgliedschaft, wie von der Führung in Kiew angestrebt, werden offen abgelehnt.

Erschüttert waren die Menschen in der Ostukraine zudem, als das Parlament nach dem Sturz des moskaufreundlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch zuerst ein Gesetz über besonderen Schutz der russischen Sprache kippte. Zwar nahm die Führung angesichts der Proteste die Entscheidung zurück - das Vertrauen ist aber dennoch zerstört. Deshalb gilt der Konflikt in der Ukraine auch als Kulturkampf.

Dennoch sind schon viele Menschen bei diesem Kampf ums Leben gekommen. Und die Separatisten, die die Rathäuser im Osten besetzen, wollen mehr als nur die freie Ausübung der russischen Sprache. Sie halten am Wochenende ein international nicht anerkanntes Referendum über die Abspaltung von Kiew ab.

Und die örtlichen Behörden haben eingeräumt, dass ihnen die Mittel fehlen, dieses Referendum zu verhindern. Dies teilte das Bürgermeisteramt der Großstadt Donezk mit. Aus Sicherheitsgründen solle nicht versucht werden, die Separatisten von der Einrichtung von "Wahlbüros" etwa in Schulen abzuhalten. Die offiziellen Vertreter des russisch geprägten Gebiets lehnen das Referendum als illegal ab. Doch die Zentralregierung in Kiew ist machtlos und muss bei der Abstimmung zuschauen. Welche Konsequenzen die Abstimmung haben wird, ist derzeit mehr als ungewiss.

Auch zwei Tage vor dem Referendum wurde weiter gekämpft. In der südostukrainischen Großstadt Mariupol haben Sicherheitskräfte nach Angaben des Innenministers etwa 20 prorussische Kämpfer getötet. Vier Militante wurden demnach festgenommen. Aufseiten der Regierungseinheiten seien ein Soldat getötet und fünf verletzt worden, schrieb Minister Arsen Awakow bei Facebook. Nach seinen Worten habe eine Gruppe von 60 "Terroristen" eine Polizeistation im Zentrum der Hafenstadt mit mehr als 450.000 Einwohnern angegriffen. Die Behörden im Gebiet Donezk sprachen von drei Toten und 25 Verletzten bei den Zusammenstößen. Mariupol liegt nahe der russischen Grenze.

Die EU-Staaten weiten ihre Sanktionen gegen Russland indes aus. Die 28 Außenminister werden am Montag in Brüssel eine noch nicht feststehende Zahl von Einreiseverboten und Kontensperrungen beschließen, so Diplomaten. Davon sollen vor allem Personen betroffen sein, die die Annexion der Krim durch Russland unterstützt haben. Bisher gibt es bereits 48 derartige Einreiseverbote und Kontensperrungen.