Überfüllte Flüchtlingsaufnahmestelle in Ellwangen: So stellt sich die Gemeinde der Notsituation

Viel mehr Flüchtlinge als anfangs gedacht

Ellwangen in Baden-Württemberg. Für viele Flüchtlinge ist die Gemeinde in der schwäbischen Provinz mit rund 24.000 Einwohnern der erste Anlaufpunkt nach der Flucht aus ihrer Heimat. Dauerhaft sollen mindestens 3.000 Asylsuchende in der Landeserstaufnahmestelle, einer ehemaligen Kaserne, Platz finden. RTL-Reporter Stephan Framke hat sich umgehört, wie die Einwohner und die Stadtverwaltung mit dieser Herausforderung umgehen, aber auch was die Flüchtlinge in Ellwangen erleben.

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Ellwangen bietet derzeit mehr als 3.000 Flüchtlingen Platz.

Registrierung, Fingerabdrücke, Fotos: Auch Familie Al-Hussein aus Syrien lässt alles stumm über sich ergehen - am Morgen nach ihrer Ankunft. "Übers Meer und die Balkanroute kamen wir. 16 Stunden hat allein die Bootsfahrt gedauert. Vier Stunden länger als geplant, weil der Motor kaputt gegangen ist", erzählt Mohammad Al-Hussein. "Die Nerven lagen blank. Bei einem Stopp nach zwei Stunden sind 45 Menschen ausgestiegen, weil sie Angst hatten."

Hunderte solcher Geschichten hat Bertold Weiß bereits gehört. Er leitet die Landeserstaufnahmeeinrichtung - kurz LEA. Seinen Job beherrscht der Ellwanger mittlerweile im Schlaf - davon bekommt er jedoch wenig. Viel mehr Flüchtlinge als anfangs gedacht machen Arbeit und drücken zunehmend auf die Stimmung, wie Weiß berichtet: "Wir haben hier in der Bevölkerung schon einen ordentlichen Anteil von Leuten, die sagen: das ist einfach zu viel. Das verträgt die Stadt nicht. Tausend wäre kein Problem. 3.000 ist ein Problem."

Unmut unter den Einwohnern

Das merkt auch der Reporter auf dem Weg in den Stadtkern. Den ganzen Tag und auch abends laufen Gruppen von Flüchtlingen die zwei Kilometer in den beschaulichen Ort. Hier sitzen sie zusammen, nutzen das freie WLAN, einigen Einwohnern ist das zu viel. Es sei kaum noch eine Bank frei, wo sich ältere Herrschaften hinsetzen könnten, sagen die einen. Andere monieren, dass früher dort kleine Kinder gespielt hätten, wo jetzt nur noch Asylsuchende sitzen würden.

Die aufgeheizte Stimmung nutzen offenbar NPD-Funktionäre dazu, um online den Frust der Leute anzustacheln. Wie sich bei den Dreharbeiten herausstellt, tarnten sich zwei als besorgte Bürger und gründeten eine Facebook-Seite gegen die Landeserstaufnahmestelle.

In der Kaserne selbst herrscht derweil Lagerkoller und Langeweile unter den Flüchtlingen. Es gibt kein Café wie in anderen Unterkünften, keinen Aufenthaltsraum zum Tee trinken. "Hätten wir den gehabt, hätten wir Betten reingestellt", sagt Weiß. Sportlehrer bieten Fußball und Basketball an. Ehrenamtliche geben Deutschunterricht. Einige Flüchtlinge werden auch selbst aktiv, arbeiten gemeinnützig für 1,05 Euro die Stunde. Sie helfen in der Küche, geben Kleider aus, sammeln Müll, dolmetschen für ihre Landsleute.

Ob Asylsuchende, Helfer oder Einwohner: Sie alle bewegen sich an der Grenze der Belastbarkeit. Und Ellwangen ist keine Ausnahme. Es steht vielmehr beispielhaft für den außerordentlichen Kraftakt, den Städte und Gemeinden seit vielen Monaten in großen Teilen der Bundesrepublik zu bewältigen haben.