Seitdem ist es verdächtig ruhig

Twitter-Tirade des US-Präsidenten: Donald Trump sieht sich immer noch als Wahlsieger

News Bilder des Tages United States President Donald J. Trump gestures to his guests after making a statement to the na
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© imago images/UPI Photo, Chris Kleponis via www.imago-images.de, www.imago-images.de

09. November 2020 - 9:31 Uhr

Führende Berater wollen Trump dazu bringen, seine Niederlage einzugestehen

So richtig überraschen dürfte es niemanden, dass Donald Trump sich nach dem Sieg Joe Bidens bei der Präsidentschaftswahl 2020 als schlechter Verlierer präsentiert. Ganz Trump-typisch lässt der amtierende US-Präsident die Welt via Twitter wissen, dass er sich immer noch als Wahlsieger sieht. Unterdessen gibt es Berichte über führende Berater des Republikaners, die den Präsidenten zu einem Eingeständnis bewegen wollen.

Twitter versieht Trumps Tweets zur US-Wahl mit Warnhinweisen

In einem von Twitter mit einem Warnhinweis versehenen Tweet treibt Trump die Behauptung über massiven Wahlbetrug weiter voran. "Schlechte Dinge sind passiert, die unsere Beobachter nicht sehen durften. Das ist noch nie passiert", schreibt Trump auf Twitter. In einem zweiten Tweet schreibt Trump – weiterhin alles in Großbuchstaben – "71.000.000 Stimmen. So viele wie nie zuvor für einen amtierenden Präsidenten!"

Das stimmt zwar grob, Trump bekam nach Angaben der "New York Times" nach aktuellem Stand insgesamt 70,396,573 Stimmen (47.7%) – allerdings stimmten nach Berechnungen der Zeitung über vier Millionen Menschen mehr für Biden, der 74,566,731 Stimmen (50.5%) bekam.

Trump schiebt den Medien die Schuld in die Schuhe

Der Präsident, der von seiner Niederlage während des Golfens erfuhr, hat sich bislang nicht in der Öffentlichkeit dazu geäußert. Lediglich von seinen Anwälten war zu hören, dass Trump den Sieg Bidens nicht anerkennen wolle. Eigentlich ist es in den USA üblich, dass der Wahlverlierer eine Rede hält, in der er seine Niederlage anerkennt. Doch bereits im Vorfeld der Wahl hatte Trump eine friedliche Machtübergabe nicht garantieren wollen.

In einem Pressestatement, dass auf der Seite Trumps veröffentlicht wurde, hieß es: "Wir wissen alle, warum Joe Biden sich so schnell fälschlicherweise als Gewinner darstellt und warum alle seine Medienfreunde versuchen, ihm dabei zu helfen. Sie wollen nicht, dass die Wahrheit ans Licht kommt", heißt es in dem Statement. Das Paradoxe: Trump hatte sich selbst zuerst verfrüht fälschlicherweise zum Sieger erklärt – etwas, das er jetzt Joe Biden vorwirft.

Trump versucht damit, den Medien Falschmeldungen über Bidens Sieg zu unterstellen. "Das Rennen ist noch lange nicht vorbei", hieß es weiter in der Mitteilung. Dabei haben sich selbst seine langjährigen Verbündeten, beispielsweise sein früherer Haussender "Fox News" und die "New York Post", mittlerweile von ihm abgewandt und Joe Biden zum rechtmäßigen Sieger erklärt.

ARCHIV - 21.08.2020, USA, Wilmington: Der dmokratische Präsidentschaftskandidat Ex-Vizepräsident Joe Biden umarmt seine Frau Jill Biden nach seiner Rede am vierten Tag der Demokratischen Nationalversammlung im Chase Center in Wilmington, Del. (zu "AP
Joe Biden geht als Sieger aus der Präsidentschaftswahl 2020 hervor.
© dpa, Andrew Harnik, AH

Top-Republikaner halten sich bedeckt, hinter den Kulissen soll es Beratungen geben

Obwohl es keinerlei Beweise für eine Wahlmanipulation gibt, haben bislang nur wenige führende Republikaner den Sieg Bidens öffentlich anerkannt. Viele schweigen, andere, darunter Mitch McConnell, der im US-Senat die republikanische Mehrheit anführt, berufen sich auf die noch laufenden Rechtsstreitigkeiten rund um die Stimmauszählung.

Hinter den Kulissen, so berichten mehrere US-Medien, darunter CNN, sollen führende Berater den Präsidenten jedoch zu einem Eingeständnis der Niederlage drängen. Jared Kushner, Ehemann von Trumps Tochter Ivanka und Top-Berater von Trump selbst, soll bereits mit ihm darüber gesprochen haben.

Unklar ist, wie es jetzt weitergeht. Seit mehreren Stunden waren keine Neuigkeiten oder neue Statements mehr aus dem Trump-Lager zu vernehmen. Auch die First Lady Melania Trump hat seit Bidens Sieg geschwiegen. 

Ivanka Trump and her husband Jared Kushner and their children Arabella and Joseph watch as President Donald Trump speaks at a campaign rally, Tuesday, Sept. 22, 2020, in Moon Township, Pa. (AP Photo/Keith Srakocic)
Jared Kushner ist Top-Berater von Donald Trump - und der Ehemann von Trumps Tochter Ivanka.
© AP, Keith Srakocic, KS

Trump und sein Team haben bislang keine Belege für eine Manipulation der Wahl vorgelegt

Seit Joe Biden sich immer mehr Bundesstaaten sicherte und damit abzusehen war, dass er mehr Stimmen bekommen würde als Trump, versuchen der Präsident und sein Wahlkampf-Team, Bidens Sieg als Betrug darzustellen. Dabei ist immer von illegal abgegebenen oder unrechtmäßig gezählten Stimmen die Rede – gemeint sind Briefwahl-Stimmen, die in einigen Bundesstaaten als letztes gezählt wurden. Besonders viele Demokraten stimmten aufgrund der Corona-Pandemie per Briefwahl ab, was dafür sorgte, dass Joe Biden in diesen Bundesstaaten erst spät die Führung übernahm. Illegal sind diese Stimmen deshalb nicht.

Bislang konnten weder der US-Präsident noch sein Team Belege oder Beweise für ihre Behauptungen, die Wahl sei "manipuliert" oder "von den Demokraten gestohlen", vorlegen. Unabhängige Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kamen zu dem Schluss, sie hätten "keinerlei Hinweise auf systemische Probleme finden können".

Mehrere Klagen, mit denen das Trump-Team versucht hatte, die Stimmauszählung zu stoppen, wurden bereits aus Mangel an konkreten Beweisen von den Gerichten abgewiesen.

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