Tugce-Schläger vor Gericht: "Ich habe nie mit ihrem Tod gerechnet"

17. Juni 2015 - 14:28 Uhr

Sanel M. gibt Erklärung ab

Ganz Deutschland blickt heute nach Darmstadt. Dort hat rund fünf Monate nach dem gewaltsamen Tod der Studentin Tugce der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Sanel M. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. In einer Erklärung zu Prozessbeginn hat er den Angriff auf die Studentin zugegeben.

Tugce-Schläger vor Gericht
Tugces Eltern verfolgen unter Tränen den Prozess.
© REUTERS, KAI PFAFFENBACH

"Ich habe in der Tatnacht der Tugce eine Ohrfeige gegeben, und sie ist dann umgefallen." Außerdem zeigte er in der Erklärung Reue. "Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe", sagte der 18-Jährige mit tränenerstickter Stimme. "Ich habe niemals mit ihrem Tod gerechnet."

Der Anwalt von Tugces Familie hat jedoch Zweifel an der Aufrichtigkeit des Angeklagten. "Es waren floskelhafte Sätze", sagte Macit Karaahmetoglu. Oberstaatsanwalt Alexander Homm vertrat am Rande der Verhandlung vor dem Landgericht Darmstadt eine andere Auffassung als der Anwalt. "Die Aussage war von Emotionen und erkennbarer Reue geprägt."

RTL-Reporter vor Ort

Auch RTL-Reporter Oliver Beckmeier verfolgt den Prozess hautnah. "Das waren sehr emotionale Minuten, die sich hinter mir im Gerichtssaal abgespielt haben. Tugces Eltern haben sich an den Händen gehalten, als der Angeklagte in den Gerichtssaal geführt wurde. Sanel M. selbst hat versucht, sein Gesicht zu verbergen. Sein Kopf war gesenkt (…), und er hat Tugces Eltern nicht ein einziges Mal angeschaut. Auch nicht, als es zu Prozessbeginn eine kurze Eingabe von Sanel M. gab. (…) Sie konnten ihn nicht anschauen, und das hatten sie sich ja eigentlich gewünscht. Parallel dazu sind weiterhin Freunde und Bekannte von Tugce vor dem Gerichtssaal und haben sich zu einer Mahnwache versammelt, in der sie noch einmal an Tugce und ihre Zivilcourage erinnern wollen."

Zu ihnen gehört auch Melina Schier. "Ich war fünf Jahre lang mit Tugce in einer Schulklasse", erzählt die 23-Jährige. "Wir wollen auch der Familie von Tugce Kraft schenken", sagt der Organisator der Mahnwache, Murat Capri. Die Veranstalter hatten sich mehr Teilnehmer erhofft und mit etwa 250 Unterstützern gerechnet.

Das Gericht entschied nach Beratung, dass die Öffentlichkeit dabei sein kann, wenn einer von Tugces Brüdern sich als Zeuge äußert. Der 25-Jährige sagte, der gewaltsame Tod seiner Schwester habe die Familie "total aus der Bahn geworfen". Die Schockstarre sei inzwischen vorüber. "Wir sind jetzt in der Realisierungsphase. Die ist noch schlimmer."

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurden die zwei Mädchen im Alter von 13 beziehungsweise 14 Jahren befragt, denen Tugce geholfen hatte. RTL-Reporter Benjamin Holler twittert dazu: "Oberstaatsanwalt über die beiden jungen Zeuginnen: 'Man kann sagen, dass sich die jungen Damen nicht bedroht gefühlt haben.'" Offenbar hätten sich die beiden Mädchen zugetraut, allein aus der Situation herauszukommen. Nach den nicht-öffentlichen Aussagen beurteilten dies die Anwälte beider Seiten unterschiedlich. Was das für den Ausgang des Prozesses bedeuten könnte, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar.