Tugce-Prozess: Drei Jahre Haft für Sanel M.

17. Juni 2015 - 14:28 Uhr

Richter: "Er ist kein Killer, Totschläger oder Koma-Schläger"

Wegen des gewaltsamen Todes der Studentin Tugce muss der 18 Jahre alte Sanel M. für drei Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Darmstadt sprach ihn der Körperverletzung mit Todesfolge nach dem Jugendstrafrecht schuldig. Der Täter habe den Tod der 22-Jährigen nicht beabsichtigt, sagte der Vorsitzende Richter Jens Aßling. Sanel M. sei "kein Killer, Totschläger oder Koma-Schläger".

Tugce-Prozess Urteil gegen Sanel M.
Vor der Urteilsverkündung betritt der 18-jährige Angeklagte Sanel M. abgeschirmt von seinen Anwälten den Verhandlungssaal im Landgericht in Darmstadt.
© dpa, Boris Roessler

Er hatte zugegeben, der 22-Jährigen im November vergangenen Jahres auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach heftig ins Gesicht geschlagen zu haben. Die junge Frau stürzte und schlug mit dem Kopf hart auf den Boden auf. Sie fiel in ein Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte.

Mit dem Urteil folgte das Landgericht in weiten Teilen der Anklage. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und drei Monaten nach dem Jugendstrafrecht gefordert. Die Nebenklage verlangte eine längere Haftdauer, ohne eine konkrete Dauer zu nennen. Aus Sicht der Verteidigung genügte eine Bewährungsstrafe.

Der 18-jährige Sanel M. nahm die Entscheidung äußerlich ruhiger auf. Richter Aßling richtete sich in der Urteilsbegründung auch an die Familie von Tugce. Der Verlust sei "durch kein Urteil dieser Welt auszugleichen". Der Mutter von Tugce kamen beim Urteil die Tränen, auch Zuschauer weinten.

"Ich glaube dass die Familie erleichtert ist, dass der Prozess beendet ist und dass die Bagatellisierung der Tat (…) - dass das Gericht klargestellt hat, dass dem nicht so war und mit drei Jahren Haft eine klare Sprache gesprochen hat", sagte der Anwalt der Familie Albayrak, Macit Karaahmetoglu.

Aggressionen vor und nach Urteil

Die Verteidigung will das Urteil allerdings anfechten. "Wir werden in Revision gehen", sagte Anwalt Heinz-Jürgen Borowsky. Man halte die Begründung des Gerichts nicht für überzeugend. Es hätte bessere Möglichkeiten für Sanel M. gegeben, als ihn jetzt im Gefängnis wegzusperren.

Sanel M. hatte im Prozess den Schlag gegen die Studentin als "schlimmsten Fehler" seines Lebens bezeichnet. "Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut", sagte er nach den Plädoyers von Anklage, Nebenklage und Verteidigung. Egal, was bei dem Verfahren herauskomme, er müsse damit leben, dass wegen ihm ein Mensch tot sei. "Ich kann das nie wieder gut machen", sagte er.

Tugce soll vor der Tat in der Toilette des Restaurants zwei Mädchen vor dem Angeklagten beschützt haben. Freunde verehren sie deshalb als "Heldin" und "Engel". Viele von ihnen waren auch am letzten Tag gekommen, um die Familie zu unterstützen. Tugces gewaltsamer Tod von hatte deutschlandweit Schlagzeilen gemacht und große Anteilnahme ausgelöst.

In dem Verfahren hatte das Landgericht Darmstadt mehr als 60 Zeugen vernommen, auch Freundinnen von Tugce sowie Freunde von Sanel M. Schnell wurde klar, dass sich beide Seiten vor dem Schlag gegenseitig übel beleidigten.

Nach dem Urteil soll es bei einer Mahnwache für die tote Studentin zu Aggressionen gekommen sein. Mehrere Frauen - darunter laut 'bild.de' auch die Mutter von Sanel M. - hätten auf die Plakate mit Tugces Foto gespuckt und Beleidigungen ausgesprochen, berichteten Verwandte von Tugce. Diese hatten mit Kerzen, Fotos und schwarzen Blumen an die 22-Jährige erinnert. Bereits vor dem Richterspruch war es im Gerichtsgebäude unter den wartenden Zuschauern zu einem Tumult gekommen. Es gab Beleidigungen und Rangeleien.