Sind Frauen jetzt Freiwild?

Türkei tritt aus Istanbul-Konvention aus: „Jemand kann mich einfach töteten, weil ihm langweilig ist"

23. März 2021 - 17:21 Uhr

Das sagen Passantinnen in Istanbul zum Austritt aus dem Abkommen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte in der Nacht zu Samstag per Dekret den Austritt aus der Istanbul-Konvention verkündet. Das Abkommen sollte Frauen besser vor Gewalt schützen. Die Unterzeichner setzten sich 2011 die "echte Gleichstellung von Frauen und Männern" zum Ziel. RTL-Korrespondentin Kavita Sharma hat in Istanbul mit Frauen auf der Straße gesprochen. Viele sind überhaupt nicht einverstanden mit Erdogans Entscheidung. Im Video erzählen Frauen, dass sie sich nicht mehr sicher fühlen.

Ohne das Abkommen könnten Gesetze zum Schutz von Frauen verschwinden

"Jemand kann mich einfach töteten, weil ihm langweilig ist. Jemand kann mich niederstechen, weil ihm langweilig ist." Das ist keine völlig irrationale Furcht. Nach Angaben der Organisation "Wir werden Frauenmorde stoppen" wurden allein im vergangenen Jahr mindestens 300 Frauen in der Türkei ermordet. Erst kürzlich heizten die Vergewaltigung und der Mord an einer 92-Jährigen sowie das Video einer brutalen Tat, bei der ein Mann seine Ex-Frau vor den Augen der kleinen Tochter mitten auf der Straße verprügelte, die Diskussion um Gewalt gegen Frauen an.

Türkei tritt aus Istanbul-Konvention aus
Demonstrantinnen gehen gegen die Entscheidung auf die Straße, dass die Türkei aus Istanbul-Konvention austritt.
© dpa, Emrah Gurel, LP frd nwi

Ohne das Abkommen könnten nun wichtige Gesetze aufgehoben werden, die Rechtssicherheit für Frauen schaffen, die Opfer von Gewalt wurden. "Indem sie die Konvention verlassen haben, stellen sie sich auf eine Seite mit schlechten Menschen wie Grapschern oder Vergewaltigern", befürchtet eine Passantin. Eine andere bezeichnet den Austritt aus der Istanbul-Konvention als "großen Fehler". "Fast täglich können wir Gewalt an Frauen sehen oder darüber lesen, in der Öffentlichkeit, im Fernsehen oder in der Zeitung", kritisiert sie.

Für Regierung entspricht das Abkommen nicht den "Werten der Türkei"

Erdogan selbst hatte die Konvention in Istanbul unterschrieben. Nun trat er per Dekret wieder aus. Die türkische Regierung begründete den Schritt damit, dass Frauen durch türkische Gesetze geschützt würden. Erdogans Kommunikationsdirektion erklärte, die Istanbul-Konvention sei von Menschen vereinnahmt worden, "die versuchten, Homosexualität zu normalisieren - was unvereinbar mit den sozialen und familiären Werten der Türkei ist". Der Austritt aus der Konvention bedeute keineswegs, dass die Türkei den Schutz von Frauen aufs Spiel setze. Die rechtlichen Mechanismen dazu bestünden weiterhin.

Eine konservativ-religiöse Plattform hatte die Diskussion um einen möglichen Austritt aus dem Abkommen im vergangenen Jahr losgetreten. Deren Vertreter sahen Religion, Ehre und Anstand gefährdet. Der türkische Vizepräsident, Fuat Oktay, verteidigte die Entscheidung. Er twitterte, die Türkei müsse andere nicht imitieren. Die Lösung für den Schutz von Frauenrechten "liegt in unseren eigenen Bräuchen und Traditionen".

"Ihr seid jetzt in unseren Händen. Ihr seid unser Spielzeug"

Passantin in Istanbul
RTL-Korrespondentin Kavita Sharma hat mit Passantinnen in Istanbul gesprochen.
© RTL

Das sieht auch eine Erdogan-Unterstützerin so, die mit RTL-Korrespondentin Kavita Sharma in Istanbul gesprochen hat. Sie ist mit dem Austritt aus dem Abkommen einverstanden. "Unser Herr Präsident hat eine angemessene Entscheidung getroffen. Frauen sollten Priorität haben, aber wir müssen auch über andere Dinge nachdenken", meint sie. Aus ihrer Sicht sei die Konvention nicht mit Familie und dem Gemeinschaftsleben vereinbar. "Der Staat kann alles lösen. Wir vertrauen der Regierung", sagt sie.

Eins der Gesetze, die in der Türkei durch die Istanbul-Konvention eingeführt wurde, trägt die Nummer 6284. Es berechtigt Betroffene laut der Organisation "Mor Çatı" beispielsweise dazu, Schutz in einem Frauenhaus, temporären Schutz durch Begleitungen, eine einstweilige Verfügung oder finanzielle Unterstützung zu bekommen. Millionen von Frauen, Kindern und LGBT-Menschen würden diese lebensrettenden Maßnahmen nun entzogen, sagte der Anwalt Veysel Ok der Deutschen Presse-Agentur. Das hinterlässt bei den Passantinnen in Istanbul kein gutes Gefühl: "Wenn ich die Tweets zu dem Thema lese, bin ich geschockt. Männer sagen da: 'Ihr seid jetzt in unseren Händen. Ihr seid unser Spielzeug'", berichtet eine von ihnen.

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