"Trotzreaktion": Kellers Stehaufmännchen sind wieder da

Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt: Nach dem mehr als beachtlichen Remis beim FC Chelsea ist in die Schalker Gesichtern das Lachen zurückgekehrt. Die Spieler feiern sich für ihre "Trotzreaktion", der Manager will den Augenblick genießen und die öffentliche Trainer-Diskussion ist erst einmal wieder verpufft - wie immer, wenn an Jens Keller rumgenörgelt wird.

Schalke, FC Chelsea
Vorher schon totgesagt, holte Schalke ein beachtliches Remis beim FC Chelsea.
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Bevor der Schalker Tross nach London aufgebrochen war, um zum Auftakt der Champions League ausgerechnet beim Titel-Favoriten aus dem Stadtteil Chelsea anzutreten, hatten sich die Experten nur eine Frage gestellt: Wie derbe wird die Niederlage? Weil die 'Knappen' mit Pokal-Aus und nur einem Punkt aus den ersten drei Spielen denkbar schlecht in die Saison gestartet sind, und der Revierclub personell am Stock geht, wollte niemand nur einen Pfifferling auf die Mannschaft von Jens Keller setzen. Dessen Trainerstuhl wackelte vor dem Duell auf der Insel schon wieder bedenklich, eine C-Elf war dazu verdammt, den Schaden in Grenzen zu halten und sich nicht abschlachten zu lassen.

Als am Mittwochabend um kurz nach halb elf der Schlusspfiff an der Stamford Bridge ertönte, rieben sich die Protagonisten verwundert die Augen. Die dezimierte Schalker Mannschaft, in der Spieler wie Roman Neustädter und Dennis Aogo auf fremden Positionen aushelfen mussten, und schon tot gesagt worden war, holt ein 1:1 beim FC Chelsea. "Es macht mich wahnsinnig stolz, was die Mannschaft geleistet hat", sagte Keller: "Sie hat taktisch top gearbeitet, genau das umgesetzt, was wir uns vorgestellt haben, und teilweise auch guten Fußball gespielt. Was die Truppe geleistet hat, ist ganz großer Sport."

Engagement, Moral und mannschaftliche Geschlossenheit - das waren die Attribute, mit der sich der schwächelnde Bundesligist einen Punkt redlich verdiente. Vor allem die zuvor stark kritisierten Julian Draxler und Kevin-Prince Boateng krempelten die Ärmel hoch. Während Draxler das Tor von Klaas-Jan Huntelaar mit einem tollen Solo-Lauf vorbereitete, stand Boateng schon mit einem Bein im prall gefüllten Schalker Lazarett. "Er hat während der 1. Halbzeit einen Schlag auf den Knöchel bekommen. In der Kabine hat er gesagt, dass er unglaubliche Schmerzen hat. Da habe ich ihn angefleht, dass er weitermacht", berichtete Keller, der das personifizierte Stehaufmännchen ist.

Draxler bläst zur Aufoljagd in der Bundesliga

Denn immer, wenn es für ihn eng wird, bekommt es der Trainer hin, dass seine Mannschaft mal wieder überzeugt. Das war die vergangenen eineinhalb Jahre stets der Fall, es geht auch in der neuen Spielzeit so los. "Der Trainer hat es geschafft, das Mönchengladbach-Spiel (1:4) aus den Köpfen zu kriegen. Das war nicht einfach in der Kürze der Zeit", sagte Manager Horst Heldt. Draxler sprach von einer "Trotzreaktion. Wir standen mit dem Rücken zur Wand, hatten nichts zu verlieren. Da haben wir vielleicht ein bisschen lockerer aufgespielt."

Dass Schalke in der Schlussphase um den Punkt bangen musste und sich beim wieder einmal starken Torwart Ralf Fährmann dem auf der Linie rettenden Neustädter bedanken musste - geschenkt. Unter dem Strich hat die bravourös kämpfende Notelf bewiesen, dass sie auch mit großen Mannschaften mithalten kann. "Wir sollten den Augenblick genießen. Das muss uns Selbstvertrauen für die nächsten Aufgaben geben", sagte Heldt, der genau wie alle Spieler auf die Partie am kommenden Samstag gegen Eintracht Frankfurt hinwies.

Denn Heldt ist lange genug auf Schalke, um zu wissen, dass das ganze Krisengerede von vorne losgeht, wenn das Heimspiel in der Bundesliga nicht gewonnen wird. "Deshalb brauchen wir uns hier nicht hinstellen und uns abfeiern", sagte Draxler nach dem Ausrufezeichen in London. "Wenn wir verlieren, ist immer alles gleich schlecht. Und wenn wir mal gut spielen, sollen wir alles schön reden", so der Spielmacher, der zur Aufholjagd bläst: "Das war ein guter Anfang, aber in der Bundesliga haben wir noch einiges gutzumachen."

Daniel Grochow