29. September 2017 - 17:24 Uhr

Dreijährige ist jetzt eine lebende Göttin

Für Trishna Shakya beginnt ab sofort ein neues Leben. Die Dreijährige aus Nepal muss aus ihrem Elternhaus ausziehen und die nächsten Jahre abgeschirmt und eingesperrt in einem Tempel leben. Denn das kleine Mädchen wurde zur neuen 'Kumari' ernannt – zu einer lebenden Göttin.

Die 'Kumari' darf den Tempel nur an Festtagen verlassen

Als 'Kumari' darf Trishna den Boden nicht berühren
Trishna wird von ihrem Vater zum 'Kumari'-Tempel getragen, als Jungfrau-Göttin darf sie den Boden nicht mehr berühren.
© dpa, Skanda Gautam, zeus sab

Nur zu 13 Festen im Jahr darf Trishna den Tempel in Kathmandu verlassen und selbst dann darf sie nicht frei herum laufen oder gar spielen. Weil sie als Jungfrau-Göttin den Erdboden außerhalb des Tempels nicht berühren darf, wird sie durch die Stadt getragen, während die Gläubigen sie verehren.

Die Ernennung der 'Kumari' (wörtlich übersetzt: Jungfrau) ist bei den Angehörigen der Shakya-Kaste seit Jahrhunderten Tradition. Die Mädchen werden nach ganz bestimmten Kriterien ausgewählt. Eine 'Kumari' muss zum Beispiel eine makellose Haut haben, und darf beim Anblick eines frisch geschlachteten Büffels nicht in Tränen ausbrechen.

Trishna ist Göttin, bis sie zum nächsten Mal blutet

'Kumari' darf nicht mehr bei ihren Eltern wohnen
Auch ihre Mutter wird Trishna nur noch sehen, wenn diese sie im Tempel besuchen kommt.
© REUTERS, NAVESH CHITRAKAR, NC/ZUZ

Für die Familien der Mädchen ist es die größte Ehre überhaupt, wenn die Tochter zur lebenden Göttin ernannt wird, auch wenn das bedeutet, dass sie das Kind in die Hände des Tempels geben müssen. Die Angehörigen dürfen Trishna dort zwar besuchen, aber den größten Teil ihrer Kindheit wird das Mädchen nun fern von seinen Eltern verbringen.

Bis sie das nächste Mal blutet, wird Trishna nun als Göttin verehrt. Schon der kleinste Kratzer oder eine Wunde könnten ihre Zeit im Tempel beenden. Denn sobald das Mädchen Blut verliert gilt sie als unrein und der göttliche Geist, der ihren Körper nach dem Glauben der Nepalesen bewohnt, verlässt das Mädchen. Spätestens bei der ersten Periode ist das Leben als 'Kumari' dann vorbei. Dann rückt das nächste Mädchen nach.

Gestohlene Kindheit

Menschenrechtler kritisieren die Tradition, denn die Kinder wachsen isoliert und mit wenig sozialen Kontakten auf. Auch zur Schule dürfen die 'Kumaris' nicht gehen und im Tempel werden sie nur sporadisch unterrichtet. Wenn ihre Zeit als Göttin vorüber ist, haben sie es schwer, sich im normalen Alltagsleben zurecht zu finden. Die Mädchen, die die meiste Zeit ihres Lebens als Göttin verehrt wurden, kehren in ihr ärmliches Elternhaus zurück, das sie seit Jahren nicht betreten haben.