"Ich hatte Angst, diese schrecklichen Dinge zu malen"

Trauma-Bewältigung: Kinderzeichnungen aus der Kriegshölle von Syrien

SOS-Kinderdorf: Syrische Kinder verarbeiten ihre Kriegs-Erfahrungen mit Trauma-Zeichnungen
SOS-Kinderdorf: Syrische Kinder verarbeiten ihre Kriegs-Erfahrungen mit Trauma-Zeichnungen
© SOS-Kinderdorf

04. November 2019 - 19:17 Uhr

SOS-Kinderdorf Saboura: Mit Stift und Papier gegen das Kriegs-Trauma

Angriffe bewaffneter Terroristen, Eltern und Geschwister tot, das Zuhause in Ruinen – was syrische Kinder in ihrer vom Krieg zerrütteten Heimat mit ansehen müssen, ist nur schwer in Worte zu fassen. Einige von ihnen leben mittlerweile im SOS-Kinderdorf Saboura nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus – in Sicherheit, aber ihre Traumata belasten sie noch immer schwer. Darüber zu sprechen, scheint unmöglich. Statt mit Worten verarbeiten die Mädchen und Jungen ihre schlimmen Erfahrungen deshalb mit Stift und Papier – und können das Erlebte so allmählich hinter sich lassen.

Malen als Trauma-Therapie: Nada (11) musste Hinrichtungen mit ansehen

Nada (11) brauchte Zeit, um sich zu öffnen: "Ich hatte Angst, diese schrecklichen Dinge zu malen"
Nada (11) brauchte Zeit, um sich zu öffnen: "Ich hatte Angst, diese schrecklichen Dinge zu malen"
© SOS-Kinderdorf

Nada ist elf Jahre alt. Sie muss mit ansehen, wie ein Mann enthauptet wird, wie eine Familie in ihrem eigenen Haus bei lebendigem Leib verbrennt. Dann kommen ihre eigenen Eltern ums Leben, Nadas älterer Bruder bricht die Schule ab – will in einer Fabrik arbeiten, um mit seinen Geschwistern über die Runden zu kommen. Trotzdem leiden die Kinder Hunger, monatelang. Schließlich, im Februar 2018, kommt Nada ins SOS-Kinderdorf Saboura – völlig verwahrlost und schwer verstört.

Es dauert, bis die Kleine in der Lage ist, sich zu öffnen und ihre Gefühle zu Papier zu bringen. "Als ich das gemalt habe, war ich traurig", sagt sie heute im Gespräch mit ihrer Kinderdorf-Psychologin. Auf ihrem Bild: Waffen, Blut, tote Menschen. "Ich hatte Angst, diese schrecklichen Dinge zu malen." Warum Menschen einander solche Grausamkeiten antun, ist für Nada noch immer unbegreiflich.

Nach monatelanger psychologischer Unterstützung hat Nada inzwischen aber große Fortschritte gemacht. Heute scheint in ihren Zeichnungen wieder die Sonne, Vögel zwitschern, Kinder spielen miteinander. Sie träumt davon, Psychologin zu werden. "Als ich das hier gemalt habe, habe ich mich glücklich gefühlt", sagt sie über ihre neuen Bilder. "Ich habe Freude und Geborgenheit gespürt. Das fühlt sich gut an."

Kinder im Syrien-Krieg: Azzam (10) zeichnet, um den Tod zu vergessen

Weil er vergessen wollte: Zu Beginn seiner Zeichen-Therapie malte Azzam (10) immer wieder seinen toten Bruder, ausgebombte Häuser und Autos in Flammen. mit Trauma-Zeichnungen
Weil er vergessen wollte: Zu Beginn seiner Zeichen-Therapie malte Azzam (10) immer wieder seinen toten Bruder, ausgebombte Häuser und Autos in Flammen.
© SOS-Kinderdorf

Auch Azzam, zehn Jahre alt, verliert im Krieg Angehörige. "Der Tod meines Bruders war für mich das Schlimmste", erzählt er. "Ich denke immer an ihn. Jeden Tag, bevor ich schlafen gehe." Er erlebt den Angriff auf Aleppo mit, den Tod und die Zerstörung. Hilflos muss er mit ansehen, wie seine Heimatstadt in Schutt und Asche gelegt wird.

Immer wieder malt er seinen toten Bruder, zerbombte Häuser, brennende Autos – Zeichnungen, um zu vergessen, "um all die Erinnerungen aus meinem Kopf zu bekommen". Etwa die Erinnerung daran, wie eine Rakete in ein Haus einschlug, die Menschen darin zerfetzte. "Ich wünschte, sie hätten Zeit gehabt, wegzurennen."

Heute weiß er: Das Malen hat ihm geholfen, sich seinen Gefühlen zu stellen, die Hilflosigkeit und Wut zu verarbeiten. "Ich habe den Körper einer Frau ohne Kopf gesehen", sagt Azzam. "Damals habe ich dabei nichts empfunden. Aber wenn ich jetzt an sie denke, tut es mir weh. Weil ich mir vorstelle, dass das auch jemandem aus meiner Familie passiert."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Therapie im SOS-Kinderdorf: 85 Prozent aller syrischen Kinder vom Krieg traumatisiert

Azzam (10) verlor im Krieg seinen Bruder: "Ich denke jeden Tag an ihn, bevor ich schlafen gehe"
Azzam (10) verlor im Krieg seinen Bruder: "Ich denke jeden Tag an ihn, bevor ich schlafen gehe"
© SOS-Kinderdorf

Das Erlebte aufzuzeichnen, ist eine bewährte Methode in der Trauma-Bewältigung, insbesondere im Umgang mit Kindern. "Nach einem Trauma ist es sehr wichtig, sich mitzuteilen, in welcher Weise auch immer", so Teresa Ngigi, Trauma-Expertin bei SOS-Kinderdorf Schweiz. "Das kann auch ohne Worte geschehen." Allein in Syrien seien 85 Prozent aller Kinder vom Krieg traumatisiert. Ohne psychologische Hilfe können sie ein Leben lang an Lernschwächen und Panik-Attacken leiden sowie sozial auffällig werden.