Teil 1: Hormontherapie

Transgender-Geschlechtsangleichung : Alicias Weg vom Mann zur Frau

Alicia will als Frau leben - wir begleiten sie auf ihrem Weg.
Alicia will als Frau leben - wir begleiten sie auf ihrem Weg.
© Privat

09. September 2021 - 10:55 Uhr

Farbe bekennen - ein wichtiger Schritt auf Alicias Weg

von Katharina Reichardt

Ein paar Stunden schon verteilten wir kleine Regenbogenfähnchen am Münchner Marienplatz. Mitten im bunten Trubel kam auf einmal eine schlicht in schwarz gekleidete Person auf mich zu, die sich als Alicia vorstellte: "Habt ihr schon mal mit jemandem aus der Community gesprochen?", fragt sie mich. Alicia, eine Frau, der bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, bekannte ganz spontan Farbe für sich selbst und bot uns an, sie auf ihrem Weg der Geschlechtsumwandlung zu begleiten.

Es war der Tag des EM-Gruppenspiels Deutschland gegen Ungarn. Als Antwort auf die neuen ungarischen Gesetze zur Einschränkung der Informationsfreiheit für Jugendliche über Homo- und Transsexualität wollte der Stadtrat das Münchner Stadion während des Spiels in Regenbogenfarben beleuchten. Die UEFA lehnte diese Idee ab. München reagierte mit wehenden Fahnen und bunten Menschen, darunter wir und Alicia.

„Mein Körper ist das, was ich daraus mache“

Alicia ist 45 Jahre alt, lebt bei München, liebt ihre Arbeit im Gesundheitsbereich des Landratsamts und verbringt gerade ihre gesamte Freizeit mit der persönlichen, hormonellen und operativen "Transition" zur Frau. Gerade steckt sie mitten in der Hormontherapie. Keine leichte Zeit, kein einfacher Weg. Aber den hatte Alicia noch nie.

Als Adoptivkind wuchs Alicia – damals noch Bryan - im Saarland auf, Gewalt war in der Familie allgegenwärtig. Nachdem sie es mit 20 schaffte, sich von der Familie zu lösen, folgten eine Verlobung mit einer Frau, die scheiterte und eine Schilddrüsenkrebserkrankung. Doch Alicia kämpfte noch mit etwas anderem: "Was ich nie gemacht habe, war, meine Sexualität zu leben. Ich habe es immer wieder versucht und wurde enttäuscht. Ich war mit allem beschäftigt, nur nicht mit mir selbst."

Nach der Verlobungsauflösung 2016 lebte Alicia lange asexuell. Erst als sie für 1,5 Jahre in Lissabon lebte, fühlte sie sich zum ersten Mal wohl unter fremden, aber offenen Menschen. Seit 2019 arbeitet sie im Münchner Landratsamt. Eine Arbeit, für die sie brennt, was mir in jedem Telefonat mit ihr deutlich wird. Vielleicht auch deswegen hatte sie letzten Oktober den Mut, sich dort vor hunderten Kollegen zu ihrer Transsexualität zu bekennen. Denn inzwischen hatte Alicia herausgefunden, wer sie wirklich sein will.

Tabula Rasa

Alicia war früher Bryan
Früher hieß Alicia Bryan.
© Privat

Der Wendepunkt war für Alicia ein Wochenende im Oktober 2020. Seit längerem ging es ihr nicht gut, sie war deprimiert und lethargisch, was auch ihrem Arbeitsumfeld nicht entging. Nach einem Traum im Sommer, in dem sie sich selbst auf dem OP-Tisch während der Geschlechtsumwandlung beobachtete, wurde ihr der Wunsch immer klarer. An einem Freitagnachmittag schnappte Alicia sich eine Freundin und ging shoppen: Sie kaufte eine komplette Ausstattung an Frauenkleidung, Make-up, einen Epilierer, ging am Tag darauf zur Maniküre und gab all ihre Männerkleidung an eine gemeinnützige Organisation.

Den nächsten großen Schritt machte Alicia, als sie sich in einem virtuellen Arbeitsmeeting vor Gemeindemitgliedern aus ganz Bayern nicht mehr als Bryan, sondern als Alicia zu erkennen gab. "Als ich aufgehört habe zu sprechen, hat eine Frau, die offenbar vergessen hatte, ihr Mikrofon auf Stumm zu schalten, gesagt 'Man, das war aber verdammt mutig'. Da wusste ich, ich bin auf dem richtigen Weg." Es meldeten sich Kolleginnen bei ihr, luden sie zu ihrem ersten Mädelsabend ein und ein beständiges Grüppchen aus Mitarbeitenden trifft sich seitdem regelmäßig. Treffen, bei denen Alicia ganz offen über ihre Transition sprechen kann.

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Von der ersten Therapiesitzung zum Östrogengel

Alicia wollte keine Zeit verlieren. Im Dezember 2020 hatte sie ihre erste Therapiesitzung, denn zuerst muss die sogenannte Geschlechtsdysphorie (Eine Person identifiziert sich nicht mit dem ihr bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht) diagnostiziert werden und die persönliche Angleichung erfolgen: z.B. neuer Name und passendes Pronomen. Dann erst kann ein psychiatrisches Gutachten für die Indikation zur hormonellen Angleichung erfolgen.

An diesem Punkt ist Alicia gerade, sie konnte ihre Hormontherapie starten. Die Kosten der gesamten Transition werden im Übrigen von der Krankenkasse getragen. Seit Mai nimmt Alicia Testosteronblocker-Tabletten und seit drei Wochen nun auch Östrogen-Gel, das sie sich täglich nach dem Duschen in die trockene Haut auf Oberschenkel oder Oberarm einmassiert. "Was sich schon verändert hat: Ich schlafe mehr und besser, hab keine Albträume mehr, die unerwünschten Geschlechtsteile schrumpfen, die Haut wird weicher, die Brust wächst und am Kopf wachsen mehr Haare."

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Was noch ansteht

Alicia ist sich sicher: Ihr Alter ist für die Geschlechtsumwandlung kein Hindernis. "Wenn ich mir vorstelle, wie es sich anfühlt, wenn ein Traum wahr wird, dann ist das der Traum. Ich habe den Drang zu Laufen und mich zu bewegen. Mir würde es nicht so gut gehen, wenn ich diesen Weg nicht gegangen wäre." Die nächsten Schritte werden die gerichtliche Vornamensänderung und die geschlechtsangleichenden OPs Anfang 2022 sein, denn davor sollte mindestens ein Jahr mit dem neuen Geschlecht gelebt worden sein. Wir sind froh, dass Alicia uns zwischen bunten Fahnen gefunden hat und werden sie die nächsten Monate über dabei begleiten, wie sie sich ihren Wunsch erfüllt, als Frau weiterzuleben.

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