Millionen-Hengst Totilas ist tot

Die verlorene Karriere des "Wunderpferdes"

17. Dezember 2020 - 21:32 Uhr

Es ist die Geschichte eines Wunder-Hengstes

Er war das vielleicht berühmteste Pferd der Welt. Nun ist Totilas mit 20 Jahren gestorben. Es ist die Geschichte eines Dressur-Hengstes, der zum gefeierten Star wird. Doch im Hype geht er unter und hat nie die Chance, sein Können der ganzen Welt zu zeigen.

Von Patricia von Thien

Wem Totilas einmal in die Augen geschaut hat, der vergisst diesen Blick sein Leben lang nicht mehr. Dunkelbraune, fast schwarze Augen, eingerahmt von langen pechschwarzen Wimpern, die einen sekundenlang fixieren. Voller Stärke und Zuneigung, aber auch voller Traurigkeit und Melancholie. Es sind die Augen eines Pferdes, die eine bewegende Geschichte erzählen. Nicht die eines einfachen Pferdes, sondern die des berühmtesten der Welt. Jetzt ist dieser Blick für immer erloschen.

Das einstige "Wunderpferd" Totilas ist tot. Es wurde 20 Jahre alt und starb an den Folgen einer Kolik. Es hatte turbulente Jahre mit vielen Höhen und Rückschlägen. Und mit dem bleibenden Eindruck, dass das riesige Potenzial dieser beeindruckenden Erscheinung nie ganz zum Vorschein gekommen war. Dabei begann Totilas' Reise als Erfolgsgeschichte.

Bis zum Jahr 2009 konnte man die internationalen Dressurwettbewerbe mit der Bundesliga der vergangenen Jahre vergleichen: Sie waren langweilig und hatten immer den gleichen Sieger. Der FC Bayern in der Dressur waren Isabel Werth und Anky van Grunsven. Sie ließen den Mitstreitern keine Chance. Dann kam Totilas. Mit seinem niederländischen Reiter Edward Gal gewann er erst die niederländischen Meisterschaften, räumte dann bei den Europameisterschaften ab. Beide stellten Weltrekord um Weltrekord ein, erreichten Punktzahlen, die vor ihnen noch niemand geschafft hatte. Zweimal wurde das Duo Weltmeister im Einzel. Fachleute und Laien staunten über die von Totilas mit Leichtigkeit ausgeführten Piaffen, Passagen und Pirouetten.

Die verlorene Karriere des "Wunderpferdes"
Totilas stirbt mit 20 Jahren an einer Kolik
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Zehn Millionen für ein Pferd

Die Sportwelt hatte einen neuen Star, der Stärke und Eleganz in einer nie da gewesenen Form auf seinen vier Hufen verkörperte. Auch andere Pferde beherrschten die Dinge, die Totilas konnte. Aber nur bei ihm sah es so wunderschön aus. In Deutschland wurden sie schnell auf Totilas' Erfolge aufmerksam. Mehr noch: Der Hengst sollte für Deutschland an den Start gehen. Und dafür legte die Reitlegende Paul Schockemöhle mit der Familie Linsenhoff-Rath im Jahr 2010 eine hohe Summe auf den Tisch. Für angeblich zehn Millionen Euro wechselte Totilas den Besitzer. Schockemöhle will den Betrag bis heute nicht bestätigen.

Zehn Millionen Euro für ein Pferd! Die Ablösen für Fußballer bewegen sich normalerweise in ganz anderen Sphären als die im Reitsport. Nicht jedoch 2010. Zum Vergleich: "Landsmann" Klaas-Jan Huntelaar wechselte in diesem Jahr vom AC Mailand zu Schalke 04 für 14 Millionen Euro und kostete damit nicht einmal das Eineinhalbfache des gebürtigen Niederländers Totilas.

Mit dem Kauf des Hengstes auf seinem Karrierehöhepunkt brach der verrückte Hype in Deutschland los. Die neuen Besitzer aber zäumten, wie es so schön heißt, das Pferd von hinten auf: Noch bevor Totilas mit seinem neuen Reiter Matthias Rath richtig glänzen konnte, wurde er vermarktet wie kein Tier vor ihm. Es wurde extra eine Pressekonferenz einberufen, Totilas hatte eine eigene Homepage, Pferdenarren konnten Tassen mit seinem Bild bedruckt kaufen. Keine Kosten und Mühen wurden für die schwarze Schönheit gescheut: Um die Muskeln zu regenerieren, hatte Totilas sogar ein temperiertes Salzwasser-Becken.

Deutschlands neuer Superstar?

Totilas das berühmteste Dressur-Pferd der Welt
Totilas - das berühmteste Dressur-Pferd der Welt
© Imago Sportfotodienst

Die Botschaft schien klar: Deutschland hat einen vierbeinigen Superstar. Die neue Olympia-Hoffnung für die Spiele 2012, die Leichtathlet Robert Harting und dem Deutschland-Achter nationale Konkurrenz um Goldmedaillen machen sollte. Ein guter Plan. Doch die Rechnung wollte nicht aufgehen. Das neue Duo gewann zwar bei den deutschen Meisterschaften, doch danach blieben große Erfolge aus, zum Beispiel bei den Europameisterschaften. War Totilas vielleicht gar kein Wunderpferd? Hinter vorgehaltener Hand munkelten einige Experten, dass Totilas zwar ein immenses Leistungsvermögen hatte, doch Rath als Reiter bei diesem Potenzial nicht mithalten konnte.

Dann kam der nächste Rückschlag. Vor dem Start der Olympischen Spiele, dem Ereignis, bei dem Totilas endgültig zur Sportlegende werden sollte, erkrankte Rath am Pfeifferschen Drüsenfieber und musste die Teilnahme absagen. Olympia-Aus für Totilas - es war der nächste Dämpfer in der Geschichte des berühmtesten Pferdes, das seine Leistungen nie mehr richtig zeigen konnte. War es ein zu großer Hype um ein Pferd? Matthias Rath rechtfertigte sich in einem Interview mit "Die Welt" Ende 2012, das Interesse sei "einfach riesengroß" gewesen. Doch auch ihm gelang es nicht, den öffentlichen Druck von Totilas zu nehmen.

Im Gegenteil, er verglich den Hengst mit einem der größten Leichtathleten der Geschichte. "Es ist unumstritten, dass Totilas Möglichkeiten hat wie kaum ein anderes Pferd. Da kann man sich nicht hinstellen und von einem normalen Pferd sprechen. Es gibt sowohl im Springen als auch in der Dressur Ausnahmepferde. Totilas gehört zweifellos dazu. Das ist wie in der Leichtathletik: Auch einer wie Usain Bolt taucht nicht jedes Jahr auf." Der entscheidende Unterschied zwischen Bolt und Totilas: Der 100-Meter-Läufer wurde achtmal Olympiasieger. Totilas nie.

Als Deckhengst im Einsatz

Dass das Pferd nie mehr die Chance haben würde, bei Olympischen Spielen sein Können zu beweisen, konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. 2015 beendete ein Knochenödem im linken Hinterfuß eine Weltkarriere, die nie richtig begonnen hatte. Zehn Millionen Euro für so wenig sportlichen Ertrag. Auf den ersten Blick ein deutliches Verlustgeschäft, doch Totilas brachte den Besitzern in den Folgejahren nach seiner Sportkarriere noch reichlich Geld. Er kam nun vor allem als Deckhengst zum Einsatz. Wer Totilas-Nachkommen wollte, musste ordentlich in die Tasche greifen. Um die 3000 Euro kostete bis zuletzt eine Portion seines Samens. Zu seinen besten Zeiten lag der Preis mal bei 8000 Euro. Der Deckhengst führte in seinen letzten Jahren ein schönes Leben auf dem Schafhof in Kronberg im Taunus bei Rath und seiner Familie - ohne sportlichen Druck.

Umso tragischer ist nun sein Tod. Nach einer OP sei Totilas wieder aufgestanden, habe es dann aber nicht geschafft, sagte Rath gegenüber dem Pferdesport- Magazin "Eurodressage": "Er war super fit." Täglich sei er auf der Koppel gewesen und viel im Schritt gegangen. "Zwanzig Jahre ist viel zu früh. So alt war er ja noch nicht." So verfrüht wie Totilas' glänzende Sportkarriere endete, ist er jetzt auch aus dem Leben geschieden. Es ist eine bittersüße Geschichte, die viele Menschen von Beginn an begeistert und berührt hat. Edward Gal, sein erster Besitzer, unter dem Totilas zur unvollendeten Legende herangezogen wurde, verabschiedete sich mit rührenden Worten auf Facebook von seinem "Freund". "Der Himmel hat jetzt einen neuen Stern, aber mein Herz ist gebrochen", schreibt Gal. Zusammen mit dir habe ich Glück und sogar Trauer erlebt. Die Zeit verging und Wunden heilten. Aber meine Liebe zu dir dauert ewig."

ntv.de