Toprak im Interview: "Können etwas Großes erreichen"

Zwischen dem Playoff-Hinspiel in Kopenhagen und dem Bundesligastart in Dortmund traf sich Leverkusens Ömer Toprak zum Gespräch mit Redakteur Konstantin Betsis.

27. November 2015 - 15:06 Uhr

Ende Mai verletzte sich Ömer Toprak bei einem bedeutungslosen Testspiel mit der Türkei und verpasste den Auftakt zur Saisonvorbereitung bei Bayer Leverkusen unter dem neuen Trainer Roger Schmidt. Rechtzeitig zum Saisonstart ist der Innenverteidiger zurück und spricht im sport.de-Interview über die Saisonziele mit Bayer, seine Träume für die neue Saison und wie er seit seinem schweren Kartunfall über das Leben als Fußballprofi denkt.

Herr Toprak, Glückwunsch zum 3:2-Hinspielerfolg in der Champions-League-Qualifikation beim FC Kopenhagen. Ist Bayer schon mit einem Bein in der Gruppenphase?

Toprak: Nein, soweit dürfen wir noch gar nicht schauen. Ich denke, wir hätten es noch besser machen können. Wir hatten die Torchancen dazu. Aber nichts desto trotz haben wir drei Auswärtstore gemacht. Deshalb ist es ein gutes Ergebnis.

Wie haben Sie als Abwehrspieler die Defensivleistung gesehen?

Toprak: Kopenhagen hat nicht viele Torchancen gehabt. Das zeigt, dass wir es ganz ordentlich gemacht haben. Klar gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten im Defensivverbund, aber es war auch nicht zu erwarten, dass wir direkt ein perfektes Spiel abliefern. Dass wir zwei Gegentreffer nach Standards bekommen haben, war natürlich nicht gut. Das müssen wir verbessern.

Die Partie in Kopenhagen, jetzt der Bundesligaauftakt in Dortmund. Danach das Quali-Rückspiel. Gleich zu Saisonbeginn stehen entscheidende Wochen an. Wie weit ist Bayer nach der Vorbereitung unter dem neuen Trainer Roger Schmidt schon?

Toprak: Für uns ist es wichtig, direkt da zu sein. Das müssen wir auch. Wir haben darauf hingearbeitet, sind im Pokal eine Runde weiter, haben in der Champions League ein gutes Ergebnis erzielt. Wir wissen, dass uns ein schweres Spiel in Dortmund erwartet, aber wir wollen dort wieder positiv abschneiden.

Sie sprechen es an: In den letzten Jahren sah Bayer beim BVB immer gut aus, ging beim Hinspiel der vergangenen Saison nach einem 1:0 als Sieger vom Platz. Was ist das Rezept, um beim Vizemeister zu bestehen?

Toprak: Beide Teams werden offensiv agieren. Die Dortmunder sind dafür bekannt. Wir haben unter unserem neuen Trainer Roger Schmidt einen neuen Stil, der auch offensiv ist. Es wird für beide Teams ein sehr schwieriges, aber auch spannendes Spiel. Wir fahren dorthin, um drei Punkte zu holen.

Bis auf die Abgänge der Stammspieler Sidney Sam und Emre Can ist die Mannschaft im Kern zusammengeblieben. Zudem kamen Profis wie Hakan Calhanoglu, den Sie auch aus der türkischen Nationalelf kennen, Josip Drmic, Wendell und Kyriakos Papadopoulos neu dazu. Welchen Eindruck haben Sie von den Neuzugängen?

Toprak: Einen durchweg positiven. Wir freuen uns als Team, wenn richtig gute Spieler kommen. Das war dieses Jahr der Fall. Mit Sam und Can haben wir zwei gute Spieler verloren, aber wir wollen jetzt den Neuen schnellstmöglich helfen, damit sie sich wohl fühlen und ihre bestmögliche Leistung zeigen können.

Ihrem Kumpel Calhanoglu gelang das mit zwei Vorlagen in Kopenhagen schon ganz gut…

Toprak: Ja natürlich, ich weiß um seine Qualitäten. Viele sehen nur seine Freistöße, aber er ist ein klasse Fußballer. Und er wird von Spiel zu Spiel noch besser werden.

Ihr neuer Trainer Roger Schmidt sagte zuletzt, Sie und Ihre Kollegen dürften ihre Meisterschaftsambitionen ruhig aussprechen. Stefan Kießling betonte, dass er vor allem im Pokal große Chancen für Bayer sieht. Teilen Sie mit uns Ihre Träume. Was ist von Leverkusen zu erwarten?

Toprak: Ich finde es schwer, etwas konkret zu sagen. Wir sind noch am Anfang der Saison. Natürlich hat man Ziele und Träume. Wir müssen schauen, wie wir in die Saison hereinkommen. Natürlich wollen wir auch mal etwas holen. Die Chance ist da, etwas Großes zu erreichen. Dafür müssen wir das Maximum aus jedem herauskitzeln. Dann wird es sehr schwer, gegen uns zu gewinnen.

Für Sie persönlich startete die Saison mit einer Muskelverletzung Ende Mai im Länderspiel gegen Honduras denkbar schlecht, noch ehe sie richtig begonnen hatte: Sie mussten 6 Wochen pausieren und stiegen erst verspätet ins Training ein. Wie fühlen Sie sich nach dem ersten Einsatz über 90 Minuten in Kopenhagen?

Toprak: Ich habe mich richtig gut gefühlt. Ein Pflichtspiel nach drei Monaten ist schon etwas anderes als Trainingseinheiten oder Testspiele. Klar sind die letzte Sicherheit und die letzten 5 bis 10 Prozent noch nicht da, aber das wird mit den Spielen kommen. Trotzdem bin ich sehr zufrieden, wie die Verletzung verheilt ist und dass ich wieder angreifen kann.

Mit Roger Schmidt sitzt jetzt ein Bundesliga-Neuling auf Bayers Trainerbank, der extremen Wert auf offensiven und laufintensiven Fußball legt. Wie beurteilen Sie bislang seine Arbeit?

Toprak: Für uns als Team ist es sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten. An seine Spielidee müssen wir uns erst einmal gewöhnen, aber da haben wir in der Vorbereitung schon ganz gut gearbeitet. Die Stimmung ist prima und wir versuchen, seine Vorgaben so schnell wie möglich zu erlernen und umzusetzen.

Wo sehen Sie die Unterschiede zu Ex-Trainer Sami Hyypiä?

Toprak: Der Stil ist einfach ein anderer. Schmidts Augenmerk liegt viel mehr auf Pressing und Gegenpressing. Letztes Jahr haben wir abwartender gespielt und auf Konter gesetzt. Das sind zwei unterschiedliche Philosophien.

Sie waren bislang seit ihrem Wechsel aus Freiburg 2011 in der Bayer-Abwehr gesetzt. Fürchten Sie unter einem neuen Trainer und zusätzlicher Konkurrenz, wie dem Ex-Schalker Papadopoulos, auch mal draußen zu sitzen?

Toprak: Nein, davor habe ich keine Angst. Es ist ganz normal, dass wir durch die vielen Spiele auch einen breiten Kader haben. Jeder wird seine Einsätze bekommen. Dass der ein oder andere eine Pause bekommt, ist normal. Konkurrenz sind wir gewöhnt, sie macht uns alle nur besser.

Sie haben in Ihrem jungen Alter schon viel erlebt: 2009 lagen sie nach einem schweren Kart-Unfall wochenlang im Krankenhaus, ihre verheißungsvolle Karriere stand auf der Kippe. Wie stolz sind Sie, dass Sie sich zurückgekämpft haben?

Toprak: Ich weiß nicht, ob Stolz das richtige Wort ist. Ich fühle mich einfach glücklich, weil ich das machen kann, was ich am meisten liebe: Fußballspielen. Für mich gab es nie etwas anderes. Ich habe von Holger Badstuber gelesen, dass es für ihn das Geilste ist, zurückgekommen zu sein. Ich kann ihn unheimlich gut verstehen. Es ist einfach schön, wieder einen normalen Pass zu spielen. Ich hoffe, dass er wieder zu alter Stärke kommt. So etwas kann man nur wirklich nachempfinden, wenn man es selbst erlebt hat.

Schauen Sie seit dem Unfall anders auf das Fußball-Geschäft als früher?

Toprak: Es ist ein hartes Geschäft, das morgen so sein kann und übermorgen schon ganz anders. Ich versuche an jeden Tag positiv heranzugehen, weil ich weiß, dass es fast vorbeigewesen wäre. Ich nehme alles mit und genieße es. Bis jetzt hat das ganz gut geklappt. Gerade von Champions-League-Spielen träumt man als Kind. Ich gebe einfach Gas und will mich weiter verbessern.

Sie gehen in die 4. Saison mit Bayer, haben Anfang des Jahres Ihren Vertrag bis 2018 verlängert. Mit guten Leistungen in der Vergangenheit haben Sie aber auch das Interesse großer Clubs, auch aus ihrem Vaterland Türkei, geweckt. Wo sehen Sie sich in ein paar Jahren?

Toprak: Für mich gilt, im Hier und Jetzt zu sein. Bayer ist eine Spitzenadresse. Wir spielen in der Bundesliga immer oben mit, sind hoffentlich wieder in der Königsklasse dabei. Das Wichtigste ist, dass ich gesund bleibe und meine Leistung bringe. Alles andere wird man sehen.

Konstantin Betsis