Katastrophale Zustände wegen Corona-Maßnahmen in China

„Die Menschen essen aus der Not heraus sogar ihre eigenen Haustiere"

03. Februar 2021 - 10:45 Uhr

Von RTL-Reporterin Pia Schrörs

Es sind Tragödien, die sich in der chinesischen Kleinstadt Tonghua in Nordostchina abspielen. Doch die Welt bekommt nicht viel davon mit. Die chinesische Regierung hat nämlich dazugelernt. Anders als vor einem Jahr, als die Bewohner in der Corona-Ursprungsstadt Wuhan ihre Wut, Not und Verzweiflung über soziale Netzwerke in die Welt hinaus schrien und die Zensoren überwältigten, hat das Regime nun weitestgehend absolute Kontrolle über Information und Mensch in der Pandemie. Umso besorgniserregender ist das, was dennoch aus Tonghua an die Öffentlichkeit dringt. Wir zeigen die Zustände in der Kleinstadt im Video.

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Corona-Total-Lockdown in Tonghua: Ausgänge werden versperrt, Türen zugeschweißt

"Wir brauchen was zu essen," schreien Menschen aus ihren Fenstern eines mehrstöckigen Wohnkomplexes. Ein Mitarbeiter des Nachbarschaftskomitees in Schutzausrüstung brüllt zurück: Seid still. Schnauze, und dann geht seine Wortwahl noch weiter unter die Gürtellinie. Die Situation steht stellvertretend für den Umgang mit den Menschen in Tonghua in diesen Tagen. Von heute auf morgen wurde die Stadt abgeriegelt. 400.000 Menschen dürfen ihre Häuser und Wohnungen nicht verlassen. Jede einzelne Wohnungstür wurde versiegelt – berichten die Bewohner im Internet.

Durch die Internetzensur in China dringt fast nichts über die katastrophalen Zustände nach Außen

Teils wurden die Türen sogar von außen mit Eisenstangen zugeschweißt, wie Videos demonstrieren. Viele konnten sich nicht mehr mit dem Nötigsten eindecken. Mit einem selbstgebauten Seilzug, der teils über mehrere Stockwerke von einer in die andere Wohnung reicht, helfen sie sich gegenseitig mit Lebensmitteln und Medikamenten aus. "Bitte macht auf unsere Situation aufmerksam. Wir verhungern, die lokalen Behörden ignorieren unsere Not. Ist da niemand, der uns helfen kann? All das schreiben verzweifelte Bewohner in sozialen Netzwerken. Es sind Hilferufe. Doch stets verschwinden diese schnell wieder von den Servern. Von Chinas Zensoren gelöscht.

Im Video: China verschärft Maßnahmen gegen Corona extrem

Chinesische Publizistin durchforstet Kommentarspalten

"Die ganzen Vorräte, die die Menschen hatten, sind inzwischen aufgebraucht und sie sind jetzt komplett abhängig von der Versorgung durch die Behörden. Es gibt ein paar freiwillige Helfer aus Nachbarorten, die versuchen, die Menschen zu versorgen. Aber sie sind einfach nicht in der Lage, so vielen Menschen das Nötigste zu liefern," erklärt uns die chinesische Publizistin Qin Liwen. Tag und Nacht durchforstet sie chinesische soziale Netzwerke nach Informationen aus Tonghua. Tausende Kommentare hat sie gelesen und gesichert, bevor sie in Minutenschnelle entfernt wurden.

Vereinzelt bringen Helfer aus Nachbarorten Lebensmittel nach Tonghua.
© dpa, Xu Chang, rac nwi

„Die Menschen essen aus der Not heraus sogar ihre eigenen Haustiere, zum Beispiel Schildkröten"

"Die Menschen essen aus der Not heraus sogar ihre eigenen Haustiere, wie zum Beispiel Schildkröten, und andere haben gesagt, dass sie planen, ihren Hund zu essen. Das ist das, was ich gesehen habe und was die Menschen mir mitgeteilt haben," sagt Qin Liwen. "Ich habe von so viel Leid und Verzweiflung erfahren, es erinnert alarmierend an das, was wir aus Wuhan kennen."

Wie vor einem Jahr in der Corona-Ursprungsstadt Wuhan, in der die Menschen 76 Tage lang bedingungslos eingesperrt waren, spielen sich nun Dramen hinter den versiegelten Türen in Tonghua ab. "Ich kann keine lebensnotwendigen Medikamente für meine Eltern besorgen. Wie sollen sie die Situation überleben," schreibt ein User bei Weibo, Chinas größtem Mikroblogging-Dienst. Menschen mit Diabetes und Herzkrankheiten rufen verzweifelt nach medizinischer Versorgung. "Hört uns denn keiner," schreibt eine Userin.

Menschen in Tonghua werden offenbar mit Nahrungsmittelentzug erpresst

Nach der anfänglichen Empörung der Bewohner ist es nun jedoch ruhig geworden in Tonghua. Die Mehrheit schweigt. "Ich bin sicher, dass die Accounts derjenigen, die das geschrieben haben, sofort eingefroren und jeder Bewohner in Tonghua von seinem jeweiligen Nachbarschaftskomitee gewarnt wurde," glaubt Qin Liwen.

Jedes Komitee in China hat eine Chatgruppe mit der jeweiligen Nachbarschaft, für die es zuständig ist. So werden die Menschen über neue Richtlinien und Anordnungen informiert und kontrolliert. "Sie sagen dann: Wer sich in sozialen Netzwerken beschwert, bekommt nichts zu Essen. Das reicht, um die Leute zum Schweigen zu bringen," so Qin Liwen.

In ganz China werden riesige Quarantäne-Zentren aus dem Boden gestampft - wie hier in Tonghua.
© imago images/Xinhua, Zhou Yuan via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Zwangsisolation, rigorose Abriegelung: China will größere Corona-Ausbrüche mit aller Kraft verhindern

Keine neuen Infektionen lautete die Anordnung von Staats- und Parteichef Xi Jinping im April letzten Jahres. Seit Monaten propagiert das autoritäre Regime, das Virus fest im Griff zu haben. Kleinere Infektionsherde werden sofort auf importierte Ware aus dem Ausland wie tiefgefrorene Schweinshaxen oder Lachs zurückgeführt und mit rigorosen Maßnahmen bekämpft. Die Botschaft: Die Gefahr stammt nur aus dem Ausland, die kommunistische Partei hat alles im Griff. Doch ganz offensichtlich setzt auch der Volksrepublik der Winter nun zu. Landesweit stampft China massive Quarantäne-Center aus dem Boden, wo bereits zehntausende Verdachtsfälle zwangsisoliert werden. "Die neuen Ausbrüche sind anders als vor einem Jahr," erklärt eine Ärztin aus der betroffenen Provinz Jilin rtl.de. "Die Situation ähnelt mehr der im Westen. Wir sehen die gleichen Mutationen und das Virus verbreitet sich viel aggressiver."

Ähnliche Regelungen in verschiedenen Orten in ganz China

In der Provinz Hebei meldeten die Behörden vor drei Wochen wenige hundert Infizierte. 22 Millionen Menschen verordnete die Regierung einen harschen Lockdown. Mindestens zehn Millionen Betroffene dürfen seit nunmehr drei Wochen ihre Wohnungen nicht verlassen. Und auch in den Metropolen Peking und Shanghai sind ganze Stadtviertel mit bis zu teils einer Million Menschen abgeriegelt aufgrund einzelner Infektionen. Doch anders als in Tonghua werden die Betroffenen immerhin weitestgehend mit dem Nötigsten versorgt.

China will größere Corona-Ausbrüche mit allen Mitteln verhindern. Um jeden Preis?
© imago images/Xinhua, Yan Linyun via www.imago-images.de, www.imago-images.de

„Wenn du als Lokalregierung das Virus nicht im Griff hast, dann wirst du als Beamter selbst bestraft"

Warum die Menschen in Tonghua so leiden müssen, hat einen Grund. Die Lokalregierungen in China stehen mächtig unter Druck. Für jede Neuinfektion werden die Beamten nämlich persönlich mittels eines strengen Bewertungssystems der Zentralregierung bestraft. Je weniger Erfahrung sie nun im Umgang mit solch einer Pandemie haben, desto bedingungsloser und brutaler ist meist ihr Vorgehen, um sie einzudämmen. "Wenn du als Lokalregierung das Virus nicht im Griff hast, dann wirst du als Beamter selbst bestraft. Wenn die Menschen aber aufgrund der harschen Maßnahmen und mangelnder Versorgung verhungern oder an Herzversagen oder Diabetes sterben, werden die Beamten nicht dafür zur Rechenschaft gezogen," erklärt Qin Liwen.

Viele Menschen sehen keinen Ausweg mehr aus ihrer Lage

Teils war die Verzweiflung der Betroffenen in Tonghua schon so groß, dass sie keinen anderen Ausweg sahen, als sich das Leben zu nehmen. Um auf die Notlage aufmerksam zu machen, teilten Anwohner im Internet Videos von Opfern, die sich an der Reckstange im Gemeinschaftsgarten erhängt haben oder aus dem 10. Stock ihrer Wohnung in den Tod gesprungen waren.

Und ein Ende der Qualen ist nicht in Sicht. Jeden Tag melden die Behörden mehrere Neuinfektionen. Bevor sie das Virus jedoch nicht komplett ausgemerzt haben, werden auch die Menschen in Tonghua hilflos hinter versiegelten Türen ums Überleben kämpfen.

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.

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