15. Juni 2019 - 15:39 Uhr

Von Martin Armbruster

Für Tom Schwarz ist der Kampf gegen Klitschko-Bezwinger Tyson Fury am Samstag nicht nur die Chance seines Lebens. Im legendären MGM Grand Hotel in Las Vegas steht auch der mythische Titel des "linearen" Schwergewichts-Weltmeisters auf dem Spiel. Folgt man den Box-Puristen, kann sich Schwarz in der Zockermetropole als erster Deutscher seit Max Schmeling zum Meister aller Klassen krönen. Noch nie davon gehört? RTL.de gibt eine Boxkunde.

Linie der Schwergewichts-Champions beginnt 1885

Ende des 19. Jahrhunderts wird der Preiskampf mit Einführung der noch heute gültigen Queensberry-Regeln zivilisiert. Boxen mit Handschuhen, Rundendauer drei Minuten, dazwischen eine Minute Pause. 1885 krönt sich John L. Sullivan mit einem Sieg über Dominic McGaffrey zum ersten "modernen" Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte.

Der imposante Amerikaner mit Schnauzbart war schon im noch archaischeren Kampf mit bloßen Fäusten eine Macht - er ist es auch mit Handschuhen. Dies- und jenseits des Atlantiks weiß man: "John L." ist der König der Schwergewichte, der Meister aller Klassen. Erst 1892 verliert er den Titel an seinen Landsmann James J. Corbett.

Auch Tyson musste erst den linearen Champion schlagen

21 Jan 2002 : Mike Tyson breaks into a verbal attack against Lennox Lewis during the Press Conference at the Millenium Hotel in New York City, to promote their fight in april at the MGM Grand in Las Vegas. DIGITAL IMAGE. Mandatory Credit: Al Bello/Ge
Mike Tyson war Ende der 1980er das Maß der Dinge im Schwergewicht
© Getty Images, Al Bello

Der König ist tot, lang lebe der König! Nach diesem Motto erfolgt damals die Vergabe des Weltmeister-Titels. Jack Johnson etwa, der erste schwarze Schwergewichts-Champion der Geschichte, erhält die königlichen Insignien erst, als er 1910 den aus dem Ruhestand zurückgekehrten Ex-Weltmeister James J. Jeffries nach allen Regeln der Kunst vermöbelt.

Jack Dempsey, Max Schmeling, Joe Louis, Rocky Marciano, Muhammad Ali – sie alle reihen sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in die Liste der "Lineal Heavyweight Champions" – ein. Nur wer den amtierenden Regenten besiegt oder sich bei dessen Rückzug als würdiger Nachfolger erweist, darf sich auch wirklich Weltmeister nennen.

Mike Tyson hat 1988 zwar alle WM-Gürtel der Boxverbände inne, als allseits anerkannter Champion gilt er aber nicht. Denn: Michael Spinks hatte 1985 den langjährigen Weltmeister und Ali-Nachfolger Larry Holmes entthront und damit jenes "königliche" Erbe angetreten, das bis zu John L. Sullivan zurückreicht. Erst als Tyson auch Spinks auf die Matte schickt, ist er der unumstrittene Herrscher.

Bruch nach Lewis-Rücktritt

Lennox Lewis (l) und Vitali Klitschko standen sich im Dezember 2004 im Ring gegenüber.
Lennox Lewis (l.) trat nach einem TKO-Sieg gegen Vitali Klitschko als Weltmeister zurück
© DPA

In den 1990er Jahren ist die Krone "auf Reisen". Tyson, Buster Douglas, Evander Holyfield, Michael Moorer, George Foreman, Shannon Briggs und Lennox Lewis heißen die Sullivan-Nachfahren. Allerdings melden auch die Weltmeister der Verbände WBA, WBC und IBF ihre Ansprüche an.

1999 schlägt der Brite Lewis schließlich seinen amerikanischen Nebenbuhler Holyfield, krallt sich alle Verbands-Titel und besteigt als weltweit anerkannter König den Schwergewichts-Thron. Erst 2003 räumt er nach einer epischen Schlacht mit Vitali Klitschko das Feld. Ein Bruch in der Linie, der Titel ist fortan vakant.

Es dauert ein paar Jährchen, ehe die Box-Welt Wladimir Klitschko 2009 nach einer Machtdemonstration auf Schalke gegen Ruslan Chagaev als legitimen Lewis-Nachfolger anerkennt. Obwohl Wladimir nach dem Rücktritt seines Bruders Vitali 2013 nicht alle Titel der Verbände auf sich vereint, gibt es bei der Frage nach dem Schwergewichts-Champ nicht den geringsten Zweifel: Wladimir Klitschko ist der Meister.

Fury beendete die Klitschko-Herrschaft

Boxing - Wladimir Klitschko v Tyson Fury WBA, IBF & WBO Heavyweight Title's - Esprit Arena, Dusseldorf, Germany - 28/11/15Tyson Fury in action against Wladimir Klitschko during the fightReuters / Kai PfaffenbachLivepic
Tyson Fury (r.) fügte Wladimir Klitschko 2015 eine bittere Niederlage zu
© REUTERS, Kai Pfaffenbach

Die Regentschaft von "Dr. Steelhammer" endet erst im November 2015. Tyson Fury entmachtet Klitschko in Düsseldorf mit einem souveränen Punktsieg. Der neue König fällt danach in ein tiefes Loch aus Drogen und Depressionen. Im Ring verliert er seinen Titel allerdings nie. 2018 kehrt Fury nach einer 50-Kilo-Abspeck-Einheit auf die Bildfläche zurück. Und wie!

Ende vergangenen Jahres führt der 2,06-Meter-Riese WBC-Champion Deontay Wilder in Los Angeles teilweise wie einen Anfänger vor. Nach 12 Runden muss er sich mit einem fragwürdigen Remis zufrieden geben, bleibt jedoch ungeschlagen und behält so den von Klitschko eroberten "linearen" Titel.

"Diesen Titel trage ich mit Stolz, Respekt und Ehre, er bedeutet mit mehr als all die Verbandsgürtel. Dass da eine Linie zu ziehen ist, vom großen John L. Sullivan bis hin zu mir, mein Name in dieser Ahnenreihe, das ist das Größte, was man erreichen kann", betont Fury.

"Titel wurde medial in Deutschland kaum beachtet"

Folgt man Fury und der reinen Lehre der Faustkampf-Puristen, geht es für die deutsche Box-Hoffnung Tom Schwarz am Samstag in Las Vegas also um den legitimen Schwergewichts-Titel – auch wenn nicht ein Gürtel der zurzeit anerkannten Weltverbände (WBA, WBC, IBF, WBO) auf dem Spiel steht. Schafft Schwarz die Sensation, stünde er auf einmal in einer Reihe mit Schmeling, Ali, Tyson, Lewis und Klitschko.

In Deutschland geht die Bedeutung des Kampfes bisher ziemlich unter. Doch warum eigentlich? "Ganz einfach, dieser 'Titel' wurde in den letzten Jahren medial kaum beachtet und hat ja auch in Deutschland in den letzten Jahrzehnten keine Rolle gespielt", sagt Schwarz-Promoter Ulf Steinforth im Interview mit RTL.de.

'The Ring' erklärt Fury zur Nummer 1

Das mag stimmen. Medial wurden und werden hierzulande meist nur die Titel der Verbände beachtet – auch wenn diese noch so unbedeutend sind. Die Tagesschau etwa meldete 2017 nach Manuel (heute Mahmoud) Charrs Sieg über einen gewissen Alexander Ustinov, Charr sei der erste deutsche Schwergewichts-Weltmeister seit Max Schmeling 1930.

Dass der "Koloss von Köln" weder einen deutschen Pass noch einen wirklichen WM-Titel hatte (er gewann lediglich den zweitklassigen, sogenannten "regulären" Titel der WBA, d. Red.), war den Nachrichten-Machern offenbar egal.

Die mediale Beachtung in Deutschland kann also kein Kriterium sein. "Linearer" Titel hin oder her: Schockt der krasse Außenseiter Schwarz mit einem Sieg gegen Fury die Box-Welt, darf der 25-Jährige mit Fug und Recht Ansprüche auf den Schwergewichts-Thron anmelden.

Zumal auch die Box-Bibel 'The Ring' Fury nach der sensationellen K.o.-Pleite von Anthony Joshua gegen Andy Ruiz Jr. zur Nummer 1 der Königsklasse erklärt hat.