Was steckt hinter der Neugründung?

Nach Verbot von Werkverträgen: Tönnies gründet fast 20 neue Tochtergesellschaften

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31. Juli 2020 - 9:59 Uhr

Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit: Hat Tönnies schon vorgesorgt?

Nach dem Corona-Ausbruch bei verschiedenen Fleischproduzenten, unter anderem bei der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, hat das Bundeskabinett einen Gesetzesentwurf von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) verabschiedet, in dem Werkverträge und Leiharbeit in Fleischbetrieben verboten werden. Unterdessen hat die Firma Tönnies anscheinend in den letzten Wochen bereits Tochterunternehmen gegründet, wie Einträge im Handelsregister bestätigen.

Ein Post bei Twitter hatte im Netz auf die Gründung der Tochterunternehmen aufmerksam gemacht. Kritiker vermuten, der Konzern könnte damit den Grundstein dafür gelegt haben, die neue Gesetzgebung möglicherweise zu unterwandern.

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Fast 20 neue Tönnies-Tochterunternehmen seit Mitte Juli

Ein Blick ins Handelsregister zeigt: Bereits Mitte Juli ließ Tönnies 15 neue Tochtergesellschaften eintragen, jeweils Tönnies-Production GmbH, durchnummeriert mit römischen Ziffern von I bis XV. Eine Woche später folgte die Gründung einiger Verwaltungs- und Immobilien-GmbHs. Bislang waren Mitarbeiter in fleischverarbeitenden Betrieben zumeist bei Subunternehmen angestellt. Im Zuge der drohenden Gesetzesänderung kündigte Tönnies das "Sofortprogramm Werkverträge" an, mit dem Versprechen, alle Beschäftigten bis Ende des Jahres direkt einzustellen, "um auch zukünftig die neue Gesetzgebung vollumfänglich einzuhalten." Die Gründung neuer Tochtergesellschaften scheint für den Konzern den ersten Schritt des neuen Programms zu bilden.

Gewerkschaften und Politiker empört: Sucht Tönnies neue Schlupflöcher?

Kritiker halten das Vorgehen der Firma hingegen für einen Versuch, die neue Gesetzgebung zu unterwandern. "Es ist ein seltsamer Zufall, dass gerade jetzt die Tochtergesellschaften aus dem Boden sprießen", sagt Jonas Bohl, Sprecher der Gewerkschaft NGG, gegenüber dem "Handelsblatt". Er hege den Verdacht, dass durch das neue Konstrukt das alte System aufrechterhalten werden soll. Auch die SPD-Fraktionsvize Katja Mast kritisiert die Gründung der Tochtergesellschaften scharf: "Wir sind es gewohnt, dass die deutsche Fleischindustrie, sobald eine Gesetzesverschärfung ansteht, anfängt, Schlupflöcher zu suchen", so die Politikerin zu "Handelsblatt". "Klare Ansage: Wir werden dies nicht zulassen."

Das sagt Tönnies

Was hinter der Gründung der Tochtergesellschaften steckt, wollten wir natürlich auch von der Firma Tönnies wissen. Auf Nachfrage von RTL erklärt ein Sprecher:

"Die Gründung dieser Vorratsgesellschaften ist ein völlig normaler Vorgang in einem internationalen Konzern. Es ist kompletter Unsinn, hieraus einen Vorwurf zu konstruieren. Oder gar zu unterstellen, wir würden uns nicht an unsere eindeutigen Zusagen halten. Wir haben angekündigt, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kernbereichen der Produktion direkt anzustellen. Dabei bleibt es uneingeschränkt. Wir sind bereits mitten in diesem Prozess, da wir Mitte September die ersten 1.000 ehemals Werkvertragsarbeiter fest eingestellt haben wollen. Wir wollen eindringlich darum bitten, nicht schon wieder Gerüchte zu transportieren, die nicht zutreffen.

Für die Festanstellungen braucht es rechtliche Grundlagen. Es ist momentan noch völlig unklar, welche Organisationsformen das geplante Gesetz vorsieht. Vorsorglich haben wir deshalb diese Gesellschaften gegründet. Mit diesen könnten wir Direkteinstellungen an verschiedenen Standorten und für die verschiedenen Gesellschaften im Konzern schnell umsetzen."

Das System Tönnies - Doku bei TVNOW

Bei RTL hat eine Ex-Mitarbeiterin von Tönnies nun ausgepackt, wie schlecht die Arbeitsbedingungen in dem Betrieb wirklich sind. Wie der Ermittler Tamer Bakiner in Osteuropa eine direkte Einsicht in das Netzwerk aus Werkvertragsunternehmen bekommt und warum die Arbeiter in Deutschland oft weit weniger als den Mindestlohn verdienen, sehen Sie ab sofort in der Doku "Tamer Bakiner – Das System Tönnies" auf TVNOW!

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